Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1485330
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Berichte und 
Kritiken. 
Unthier, einer Art Fisch, die Kehle zu, indem sie sich nach dem Geister- 
spuk hinter ihr umsieht,  tolles Gesindel! Da reitet einer auf einer 
fabelhaften Bestie mit einem Pferdeschädel; er hat in die Nase seines 
eigenen Schädels ein Klarinet hineingesteckt, darauf er lustig fingert; er 
trägt ein kleines Mäntelchen und statt der Mütze einen Leuchter mit bren- 
nendem Licht. Entsetzt flüchtet das übrige Fratzenvolk. Es müsste interes- 
sant sein, in diesen kleineren Vorläufern die Entwickelrlngsgeschicllte des 
genannten grossen Possenspieles, wo alle diese tollen Gebilde um den 
armen Heiligen her ihr Wesen treiben, zu verfolgen. 
Ueber die Boisseree'sche Sammlung ist viel geschrieben, und es 
konnte dem Verfasser nicht schwer fallen, manch eine geistreiche Ansicht 
liebenswürdiger Kunstfreunde und Freundinnen mitzutheilen. Der geschicht- 
liche Werth dieser Sammlung und ihr Kunstwerth an sich ist zu weltbe- 
kannt, als dass wir hier etwas von jenen Mittheilungen wiederholen dürften; 
Max von Schenkendorfs frommer Wunsch, dass diese Bilder an Künstler- 
hand durch alle deutschen Lande gehen möchten, hat sich durch die 
Strixnefschen Lithographieen auf eine so seltene Weise erfüllt, wie es 
wohl kaum der begeisterte Dichter geahnt hatte. Eine Bemerkung nur 
erlaubt sich Referent. Man ist noch immer der Meinung, dass erst in dieser 
sogenannten niederdeutschen Schule, von van Eyck bis Schoreel, 
sich eine eigenthümlich deutsche Malerei entwickelt, dass erst sie sich von 
den byzantinischen Fesseln losgerisscn habe; auf letzteres deutet die, wenig- 
stens für Gemälde der Boisseerdschen Sammlung noch angewandte Bezeich- 
nung einer „byzantinisch-niederrheinischen Schule." Doch wird 
sich nachweisen lassen, dass in Deutschland die Nachahmung byzantinisch- 
römischer Typen bereits mit dem dreizehnten Jahrhundert, da letztere bis 
zum Ekel verzerrt erscheinen, wenn auch nicht aufhört, so doch durch das 
Auftauchen einer anderen, eigenthümlichen Formenbildung mehr und mehr 
beschränkt wird_ Dieser- neue Styl, welcher sich durch einen edleren 
Charakter in den Figuren, durch leichtere Verhältnisse des Körpers und 
durch eine, freiere Haltung desselben, insbesondere durch weiche, lange 
und grossartige (nie eckig gebrochene) Linien des Faltenwnrfes auszeichnet, 
ist gleichzeitig mit dem Erwachen einer nationalen Poesie, mit der Ver- 
breitung des Spitzbogenstyles in der Baukunst, und dürfte am besten, wie 
Baron Rumohr für letzteren vorgeschlagen, den Namen eines germani- 
schen Styles verdienen, indem er, vom Anfange des dreizehnten bis zum 
Anfange des funfzehnten Jahrhunderts, wie insbesondere in Deutschland, 
so überhaupt in den Ländern lierrschend ist, welche unter germanischem 
Jtjinfluss standen, Zu ihm gehört jene fälschlich sogenannte byzantinisch- 
niederrheinische Schule; als seine Blüthe vielleicht sind die Werke, welche 
man dem Meister Wilhelm von Köln zuschreibt, zu betrachten. Ich weiss 
nicht, ob die durchgeführte Charakteristik, die sorgfältige Ausführung 
in den kleineren Nebendingen, welches wesentliche Eigenschaften des spä- 
teren niederländischen Styles sind, überall für jene grossartigere Würde 
entschädigen.  
Nach diesen königlichen Sammlungen führt uns der Verfasser in die 
bedeutendsten Privat-Bildersammlungen von München, zunächst in 
die herzoglich von Lcnchtenbergische Gallerie. Die für eine Privat- 
samrnlung seltene Vollständigkeit an Proben aus allen Zeitaltern und Schulen 
(vornehmlich neuerer und neuester Zeit), verbunden mit der Schönheit der 
Gegenstände, macht diese Gallerie bekanntlich zu einer der grössten Sehens-
        

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