Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1485238
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Vorstudien 
-Geschichte. 
Architektur- 
feinen Sculpturen, die zum grossen Theil in einem zerbrechlichen Sand- 
stein ausgeführt sind? die, obgleich seit zwölf Jahrhunderten, wie man 
sagt, den Beschädigungen von Menschen und Wettern ausgesetzt, noch nicht 
gänzlich zerstört sind? 
Oder sollen wir glauben, dass, wenn dies Gebäude damals wiederher- 
gestellt wnrde, dies sich nicht aus dem Styl seiner Architektur erkennen 
lassen sollte, der sich doch von verschiedenem Charakter, je nach der Ver- 
schiedenheit der Jahrhunderte, zeigen müsste, und nicht ganz in einem 
Wurf und in übereinstimmender Manier, wie es wirklich der Fall ist? 
Aber es wächst noch die Schwierigkeit, wenn man bedenkt, dass nicht 
bloss die Kirche San Micchele das Glück gehabt hätte, diesem Verderben 
zu entrinnen und nicht in die Zahl jener abgebrannten 43 Kirchen mit 
eingeschlossen zu sein, sondern auch die Kirchen San Giovanni in Borgo, 
San Pietro in ciel d'oro, Santa Maria rotonda, Sant' Agata, San Romano, 
Santo Ambrogio und noch andere, welche sämmtlich, ebenso in den Jahr- 
hunderten der Longobarden erbaut, entweder noch existiren oder, wie es 
bekannt ist, erst seit Kurzem abgebrochen oder neu gebaut sind. YVenn 
dies Factnm wahr ist, wenn diese Kirchen, wie man es glaubt, Werke der 
Longobarden waren oder wirklich sind, so müssen wir also die Dinge, 
welche Liutprand sowohl als Frodoard. bald nach jenem grossen Ereigniss, 
ihren Zeitgenossen als Begebenheiten ihrer Zeit und unter ihren eigenen 
Augen geschehen, erzählten, für Thorheiten ausgeben! Ich überlasse es 
dem gesunden Urtheil eines Jeden, zu entscheiden, ob in alledem irgend 
eine Wahrscheinlichkeit ist.  
Nach alledem scheint es mir, dass man bereits zur Genüge schliessen 
kann, dass die Basilika San Micchele maggiore in ihrer gegenwärtigen Be- 
schaffenheit nicht dieselbe ist, welche sich einst in Pavia, zur Zeit der 
Longobarden, befand, und dass bis jetzt die Zeit ihrer Erbauung unbe- 
stimmt ist. Aber wenn dies sich so verhält, welcher Zeit wird man sie 
dann zuschreiben müssen? Gewiss wird man einem der blühendsten und 
glücklichsten Jahrhunderte, welche diese Stadt im früheren oder späteren 
Mittelalter erlebt hat, den Vorzug geben müssen; einer Zeit, in welcher 
die Baukunst in Italien, wie auch verderbt und entartet, doch schon wieder 
einen gewissen Werth erhalten haben musste. Niemand, meine ich, wird 
behaupten, dass diese Zeit die der longobardischen Herrschaft gewesen sei, 
oder vielmehr das siebente Jahrhundert, welches man als die Erbauungs- 
zeit dieser Kirche angiebt. Wenn Pavia damals in einer glücklichen Lage 
war, soweit dies nämlich die italienischen Städte im früheren Mittelalter 
sein konnten, so gilt dies wenigstens nicht für die Baukunst. Wenige Ge- 
bäude, und diese ausser aller guten Ordnung und schmuckleer, entstanden 
zu jener Zeit in unseren Gegenden; so dass, mit Ausnahme des Zehnten 
Jahrhunderts, diese edelste Kunst nie in so tiefen Verfall gerathen ist wie 
damals, wenn wir aus dem, was auf uns gekommen ist, urtheilen dürfen. 
Und in Wahrheit, wenn man nicht jenen Magister casarius, Natalis 
genannt und aus der Lombardei gebürtig, der, ein Gründer einer Kirche 
Zll LIICCFI, im Jahr 805, nicht seinen eigenen Namen zu schreiben wusste 1); 
1) Ego Natalis, homo transpadanus, magjister casarius, edijicavi ecclessiam 
beatae Mariae Virginis. .   intra hanc civitatem (lucanam) i'll fundamßmü W160 
   Signum 1- manus Natalis qui hanc cartulam jieri rogavit. Ein authentisches 
Dokument aus dem Archiv des Bisthums von Lucca, bei Bertini. Storia cccles. 
di Lucca Vol. II. Doc. VI facc. 9.
        

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