Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1484878
174 
o 
Kirchen und ihre Denkmäler. 
Deutsche 
Das frühere Altarwerk, ein grosscr Schrein mit Schnitzwerk (van nicht 
bedeutender Arbeit) und mit bemalten Flügeln ist seit der Aufstellung des 
Schadovxdschen Bildes in eine dunkle und dumpfe Kapelle (die S0genannte 
Evangelistenkapelle) bei Seite gestellt und nicht weiter beachtet worden. 
Ich liess mir die Flügel ans Licht tragen, und fand an ihnen die Arbeit 
eines Meisters, der, wenn auch eben nicht vom ersten Bange, so doch auf 
keine Weise einer solchen Verachtung würdig ist. Sie enthalten auf ihren 
Anssenseiten die Figuren Christi (mit der Dornenkrone) und der Maria, 
auf den inneren kleinere Darstellungen der heiligen Geschichte,  Erin- 
ncrungen an bedeutende Werke älterer Meister, namentlich in der gran- 
diosen Figur der Maria, im Einzelnen sehr anmuthige und innig ausdrucks- 
volle Köpfe. Die Malerei ist leicht, {Jastos und breit. 
Vorn im Schiff der Kirche hängt ein äusserst merkwürdiges byzanti- 
nisches Crucifix. Es ist ein grosses Kreuz von Brettern, mit Leinwand, 
die einen Gypsgrund trägt, überzogen. Hierauf ist der gekreuzigte Heiland, 
in kolossalen Maassen, gemalt, an den Ecken die vier Symbole der Evan- 
gelisten. In der Zeichnung des Heilandes, dem hängenden Haupte, dem 
geschwellten Banche u. a., in dem Gefalte des breiten blauen Schurzes, in 
der Malerei, die ganz den Miniaturen byzantinischen Styls entspricht, zeigt 
sich auf den ersten Blick die eigenthümljche Manier und die frühe Zeit, 
welcher dieses Werk angehört; es dürfte wenig Aehnliches in Deutschland 
zu finden sein. Doch scheint man von dem grossen geschichtlichen Werthe 
desselben am Orte keine Ahnung zu haben; denn noch ist es von dem 
Unrath nicht gereinigt, der bei den Uebertünchungen der Kirche darauf ge- 
fallen ist, und die unteren Theile sind zerfetzt und muthrvillig zerkratzt. 
Memleben, ein Dorf an der Unstrut, besitzt in den Ruinen seiner- 
ehemaligen Klosterkirche ohne Zweifel das wichtigste Beispiel für jene 
Uebergangsperiode aus dem romanischen (dem sogenannt byzantinischen) 
in den germanischen (den gothisohen) Baustyl. Das noch Vorhandene ist 
Dir im Wesentlichen aus den Beschreibungen, welche Stieglitz und nach 
ihm Fiorillo gegeben haben, bekannt; ich wiederhole. dass die massigen 
Pfeiler im Inneren durch schwere Spitzbögen verbunden werden, dass sie 
eine quadratische Grundform haben und Halbsäulen an den Zwischenseiten 
als Träger der einfachen, unter den Spitzbögen befindlichen Gurte, dass 
keine Spuren von gewölbter Bedeckung, wohl aber noch die Löcher, in 
welchen die Balkenköpfe der Holzdecke aufgelegen haben, ersichtlich sind. 
und dass somit von Strebepfeilern keine Rede ist. Den Rundbogen zeigen 
dagegen noch der nunmehr vermauerte Bogen der südlichen Seiten-Tribune, 
eine kleine Thür auf der Nordseite des Schiffes, und ebenso  zwar nur 
in einer alten Abbildung, welche die Thuringia Sacra aufbewahrt haben  
die Fenster; doch ist das Hauptportal wiederum im Spitzbogen. Die 
gewöhnliche Annahme setzt dies Gebäude in die Zeiten Heinrich's I. oder 
Otto's I. zurück, da das Kloster gegründet wurde; doch scheinen mir sowohl 
das, für so frühe Zeit bisher noch unerwiesene Spitzbogensystem, die dem 
Princip nach leichtere (aus Platte und Kehle bestehende) Form der Kapi- 
täle der Halbsäulen, die gesammte zwar schlichte, aber sehr gediegene 
Technik, als nicht minder die eckig dreiseitige (nicht halbrunde) Grund- 
form des Chorschlusses, das zierlich formirte rundbogige Gesims im Aeus- 
seren desselben, insbesondere aber das cigenthümlich leichte Verhältniss 
in den noch wohlerhaltenen Säulen und Gewölben der Krypta und die
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.