Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1484818
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Kirchen 
Deutsche 
Denkmäler. 
ihre 
und 
Westchor beiindliehen Statuen der Stifter von höchstem kunstgeschicht- 
lichem Interesse; ich freue mich, meine bereits ausgesprochene Ansicht nur 
bestätigen zu können, dass sie nämlich in naher Verwandtschaft mieden- 
jenigen Statuen stehen, welche sich zu den Seiten des einen Ostportales 
am Bamberger Dome und eben dort innen, am Ostchore, befinden und dass 
sie nur eine weitere Entwickelung des an letzteren begonnenen (germani- 
schen) Styles darthun. Für diese Verwandtschaft sprechen auch die auf 
gleiche Weise gestalteten Baldaehine über den Statuen, welche nach Art 
reicher kirchlicher Architekturen gebildet sind. Näher in das Alter, die 
Technik und Bedeutung dieser Statuen einzugehn, ist überflüssig, da alles 
dies in einer sehr verdienstlicheu Schrift dargelegt ist: "Ueber das Alter- 
thum und die Stifter des Doms zu Naumburg und deren Statuen im west- 
lichen Chor. Von C. P. Lepsius. Naumburg, 1822." (Erstes Heft der 
„Mittheilungeu aus dem Gebiet historisch  antiquarischer Forschungen. 
Herausgegeben von dem Thüring. Sächs. Verein für Erforschung des vater- 
ländischen Alterthumsft) Ich bemerke nur, dass die dieser Schrift beige- 
fügten Umrisse der Statuen, im Ganzen zwar wohlgelirngeni, im Einzelnen 
jedoch den Ausdruck der Köpfe, den Charakter und bestimmten Styl der 
Gewandung nicht ganz wiedergeben. 1). 
Beide Chöre enthalten noch einen grosscn Theil der alten Glasgemälde. 
Besonders zeichnen sich die im westlichen Chore aus, welche noch wesent- 
lich den byzantinischen Typus zeigen, jedoch bereits mit derjenigen Frei- 
heit, welche derselbe im dreizehnten Jahrhundert (z. B. in den Zeichnungen 
des Scheyrer Mönches Conrad) annahm. Die Glasgemälde im östlichen 
1] Nach verschiedenen späteren Notizen des Verfassers über die Statuen des 
Nanmburger Domes: 
Die Stellung der Figuren ist meist sehr einfach; dabei stehen sie, wenig- 
stens der Mehrzahl nach, leicht, und es drückt sich schon in dieser Körperbe- 
wegung inneres Gefühl vortheilhaft aus. Auch die Gewänder fallen einfach, aber 
die verschiedene Anordnung der Mäntel, besonders wo diese vorn aufgenommen 
werden, giebt ein reiches Linienspiel. Zugleich ist die Körperbewegung unter 
dieser rejehen Gewandung meist gut gefühlt und wiedergegeben, zum Theil sogar 
die Körperform unter dem Gewande schon mit Kunst angedeutet. Der Ausdruck 
der Köpfe ist mannigfaltig, theils zwar noch etwas starr, theils (bei einigen weib- 
lichen Köpfen) bereits sehr anmuthig     . 
Reicher Sculpturenschmuck befindet sich an dem friihgothischen Lettuer des 
Westchores. An dem Mittelpfeiler der Eingangsthür desselben ein Cruciiix (künst- 
lerisch minder bedeutend), links eine ungemein schön gewandete klagende Maria, 
rechts Johannes, der auch leidlich gut gearbeitet ist; beide ganz im Styl der 
Chor-Statuen, Zu beiden Seiten des Portales wird der Lettner durch einen 
hohen, unter Bogenfeldern hinlaufenden Fries mit Reliefs, welche die Passions- 
geschichte zum Gegenstande haben, gekrönt. In diesen Darstellungen ist die 
Anlage der Gewandnng wiederum bedeutend, im Einzelnen selbst grossartig und 
mächtig. Auch in der Composition sind nrerkwürdig geistvolle Elemente, doch 
freilich auch viel Starres. Es ist ein Geist, der mit Kraft und Ernst, selbst 
nicht ohne regen Formensinn, zur Gestaltung ringt.  Dies ist übrigens nicht 
minder der Charakter der Chor-Statuen, bei denen die Gewandung (der Anlage 
nach), die Motive der Geberdung, die Charakteristik im Einzelnen höchst merk- 
würdig sind, während allerdings der Mangel an feinerem Naturgefühl bei solchen 
Vorzügen um so störender wirkt. Gleichwohl ist nichts eigentlich Gonventionelles 
wahrzunehmen:  es ist das germanische Formen- und ComPOSitiOHS-Gefühl, 
welches sich aus den romanischen (den dem Römischen verwandten) Formen 
loslöst, diesen aber zum Theil sehr grossartige Motive verdankt.
        

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