Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1484503
Reiseblätter vom Jahr 
1832. 
137 
costümirte Männer, welche ihre Hand ebenfalls schwörend auf die Brust 
legen. Die unteren Felder auf beiden Platten werden von verschiedenen 
Gmppen sitzender und kauernder Gefangenen gebildet, und hier ist, trotz 
der Rohheit in den Gesichtern, und obgleich die hervor-stehenden Theile 
bereits beträchtlich abgerieben sind, doch noch viel von dem antiken Sinn 
für die Form und besonders "manch ein schönes Motiv in der Bewegung 
zu bemerken. 
Endlich darf ich ein schönes Gemälde, welches sich in dem ehema- 
ligen Kapitelsaale belindet, nicht unerwähnt lassen. Es stellt eine Maria 
mit dem Kinde, von Heiligen umgeben, dar und ist ohne Zweifel ein Werk 
der kölnischen Schule. 
Dem Dom gegenüber, auf der andern Seite des Domplatzes, liegt die 
Licbfrauenkirche, ein Gebäude, welches in seiner Massen-Anordnung 
sowohl als in den einzelnen Theilen eine vollkommen entwickelte Anwen- 
(lung des sogenannten byzantinischen, -d. h. des rundbogigen Baustyles zeigt. 
Es ist eine Pfeilerbasilika mit einem Querschiff, mit sehr schmucklosen, 
selbst noch rohen architektonischen Details, ursprünglich flach gedeckt, 
später  aber ganz in demselben Style und im inneren mit derselben 
Schmucklosigkeit und Rohheit der Details  mit Gewölben und den die 
Gewölbe stützenden Mauervorsrxrüngen versehen. 
Ich sah die Liebfrauenkirche in ihrem wüsten, baufälligen Zustande, 
der keine Feier des Gottesdienstes mehr zuliess. Sie war voller Staub 
und Schmutz, die Stühle morsch und zum Theil zerbrochen, mehrere Grä- 
ber aufgerissen; eine widerwärtige Kellerluft herrschte darin. Zu meiner 
grossen Freude aber entdeckte ich an den Wänden, welche die Arme des 
Kreuzes von dem mittleren Raume trennen und an denen , auf der innern 
Seite, die Chorstühle befindlich sind, sehr alte, aber schön gearbeitete 
grossc Reliefs. Ich zeichnete eins derselben. 
Diese, aus einer Gypsmasse gearbeiteten Reliefs bestehen auf jeder 
Seite aus sieben Bogenstellungen, welche durchaus den Charakter der by- 
zantinischen Architektur tragen; in den also angedeuteten Nischen sind die 
Figuren von Heiligen enthalten: und zwar auf der südlichen Wand Maria 
mit dem Kinde und zu ihren Seiten je drei Apostel, auf der nördlichen 
Christus mit den übrigen sechs Aposteln. Maria ist in dem Kostüm der 
römischen Matronen, wie gewöhnlich in früherer Zeit, dargestellt, doch 
mit blossem Haar, welches in zwei lange, vorn herniederhängende Zöpfe 
geflochten ist; das Kind ist bekleidet. Die Figur Christi auf der nörd- 
lichen Wand ist ebenfalls in der gewöhnlichen Stellung, in der Linkenern 
Buch, die Sclwvörende Rechte olTen vor der Brust haltend. Diese nördliche 
Seite enthält die wahrscheinlich gleich alte Bemalung der Reliefs; auf der 
südlichen Seite sind dieselben dick weiss übertüncht. Es fallt uns an die- 
sen Figuren vorerst ein gewisses längeres Verhältniss auf, zuweilen auch 
eine Andeutung jener eigenthümlichen Vcrschrobcnheit in den Stellungen 
und jener sonderbaren Dickbäuchigkeit, welche als Merkmale an den Kunst- 
werken scit dem elften Jahrhundert zu betrachten sind. Sodann aber 
zeichnen sie sich vor andern Werken der Zeit durch den Ausdruck eines 
freieren, würdigeren Charakters, durch eine gewisse Weichheit der Formen, 
durch lebendigere Linien in der Gewandung und feinere Ausführung der- 
selben, und endlich durch reiner-es Ebeumaass und grösseren Adel in 
den erhaltenen Köpfen, vornehmlich in dem Kopfe Christi, sehr vortheil- 
haft aus.
        

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