Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1484272
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Deutsche 
Kirchen 
und 
D enkmäler. 
ihre 
Giebels,  eine Decoration, die aber so wenig zu der schlichten alten 
Anlage, wie zu dem Style ihrer Formen sonderlich passen will. Auch das 
in das Hauptfenster der Facade eingesetzte Stabwerk ist mehr nach den 
allgemeinen Principien des gothischen Styles, besonders in dessen rheini- 
scher Gestalttlng, als nach der derben Weise des Backsteinbaues gebildet. 
Das Innere aber hat sehr dadurch gewonnen, dass die störenden Ein- 
bauten beseitigt sind, dass der Fussboden, der bedeutend aufgehöht war, 
auf seine ursprüngliche Tiefe zurückgeführt ist, auch Wände, Pfeiler, Glie- 
derungen und architektonische Ornamente von der Kalktünche befreit sind, 
und nunmehr wieder in der eigenthümlichen Reinheit ihrer Formen er- 
scheinen. Die Arkaden des Schiffes machen nun doch einen starken, wei- 
ten und kühnen Eindruck, und das ganze kunstgeschichtliche Räthsel dieses 
merkwürdigen Gebäudes  denn das ist es in der That  tritt dem Be- 
schauer noch auffälliger entgegen. Es ist in diesen massig spitzbogigen 
Arkaden des Schiifes ein Element, welches in gewissem Betracht noch an 
den Uebergangsstyl erinnert; selbst in denjenigen der Kapitale ihrer Halb- 
säulen, deren Blätterornament strenger stylisirte Formen hat, befolgt diese 
Stylisirung noch in etwas die Motive der Uebergangszeit, während die An- 
wendung von Wein- und Eichenblättern an andern Kapitälen allerdings 
ganz in der Art erscheint, wie dergleichen auch anderwärts im n0rdöst- 
liehen Deutschland im ersten Stadium der entwickelten gothischcn Bauweise 
vorkommt. Der Bau des Chores entspricht völlig dieser letzteren Bau- 
weise. Es ist übrigens keine äussere Spur vorhanden, daraus sich ent- 
nehmen liesse, dass der Chor etwa später aufgeführt sei als das Schiff; auch 
entspricht die Gliederung des Hauptportales auf der Westseite in ihrem 
Grundprincip der Gliederung einer im Chorschluss beiindlichen Thür, 
welche zur Sakristei führt: in beiden herrscht ein scharf birnenförmiges 
Profil vor, das nicht minder auch an den Gewölbgurten der Kirche durch- 
geht, das wiederum für das erste Stadium der Ausbildung des Gothischen 
massgebend ist und in seiner besondern Eigenthümlichkeit auch sonst 
diese Epoche des Backsteinbaues charakterisirt. Die Kirche ist also als 
ein Denkzeiehen dieser Epoche aufzufassen, aber mit einem Festhalten 
eigenthümlicher Reminiseenzen an die nächst vorangegangene Epoche, wel- 
ches in so später Zeit doch selten und vielleicht für die spätere Entwick- 
lung der Architektur in unsern nordöstlichcn Landen bezeichnend ist. Die 
Arkaden des Schiffes gernahnten mich einigermaassen an das Verhältniss 
der Arkaden im Schiff des hiagdeburger Domes; es wäre nicht undenkbar, 
dass ein irgendwie vermittelter Einfluss von dort auf diese Disposition 
eingcwirkt hat. Ob die oben angeführte Jahreszahl 1271 als die der Grün- 
dung dieser Kirche anzunehmen, oder ob dieselbe vielleicht noch um ein 
Paar Jahrzehnte jünger und mit jenem Geschenke der zwischen Tempelhof 
und Berlin belegenen Ziegelei vom Jahre 1290 in Verbindung zu bringen 
ist, lasse ich hier dahingestellt. 
 Wesentlich trägt zu dem kräftigen Eindrücke, den das Innere hervor- 
bnngt: fler Umstand bei, dass das Material der grossen gebrannten Steine 
jetzt wledßr dem Blicke frei liegt. Nur an den Laibungen der grossen 
Bögen, die die Obßrwände des MittelschiITs tragen, und an den Kappen 
der Gewölbe erschßilli, Ohne Zweifel der ursprünglichen Einrichtung ent- 
sprechend, C111 Kalliputz. Auf jene Laibungen ist, einfach mit schwarzer 
Farbe, ein kräftiges Ornament gemalt, ohne Zweifel ebenfalls nach vorge- 
fundenen alten lYIustcrn. Ob die nicht sehr harmonisch bunte Zuthat an
        

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