Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Kleine Schriften und Studien zur Kunstgeschichte
Person:
Kugler, Franz
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482733
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1484134
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gleich denen in hVilIlpfCIl am Berge, geschnitzt und mit vorzüglichen Irla- 
lereien versehen. Ilin und Wieder finden sich einzelne Glasmalcreicn. Am 
merkwürdigsten waren mir die Chorstühle, welche die Kreuzflügel von dem 
Hauptschiff abschneiden (an einem von ihnen fand ich die Jahreszahl 1498). 
und der Bischofstuhl im Chore. Sie enthalten unverkennbare Spuren temp- 
lerischer llIysterienU: den Löwen, den Drachen,  den Löwen, der den 
Drachen in den Schwanz heisst, den Falken, den Mönch mit, der Kapuze 
in nicht eben decentester Stellung und dergleichen mehr. Einige Leh- 
nen der Chorstühle und des Bischofstuhles, sowie mehrere Verzierungen, 
welche sich an den kleinen Armen in den Chorstühlen befinden, habe ich 
gezeichnet. Aehnlich sind die 'l'hierlailder am Aeussern der Kirche, welche 
als NV-asscrableiter dienen; doch treten hier mehr willhührliche I7ormen 
ein. S0 sah ich das Bild einer Sau, welche einen Juden, kenntlich an der 
spitzen Mütze, säugt, der ein Junges wegstösst. Eine andre Gruppe stellt 
einen Mönch zwischen einem Löwen und einem Bock dar. 
Ich hatte mich etwa eine Viertelstunde in der Kirche verweilt, als die 
Thür hastig geöffnet ward, und mehrere Leute mit schnellen Schritten 
herein kamen; der Messner ging ihnen ehrerbietig entgegen. Es waren der 
Priester und Andere. Sie traten in den Chor zum Altar und schlossen 
eilig das Öllhürehen des vergoldeten Tabernakels auf. Geweihte Hostien, 
welche sie zu holen gekommen waren, fanden sie nicht vorräthig; in Eile 
ward dem Priester, der nicht einmal sein Ornat übcrgeworfen, die Stola 
umgehängt, und in wenig Augenblicken war das Geschäft der Einsegnung 
der Hestien beendet. Schnell, wie sie gekommen, entfernten sie sich wie- 
der. Der Messner sagte mir, dass ein lllädchen im Ort im Sterben liegp 
und ihr letztes Mahl verlangt habe. 
Mittagszeit war verstrichen; der Messner, welcher ab- und zugegangen 
war und meinen Arbeiten mit Theilnahme zugesehen hatte, lud mich ein, 
in seinem Hause, da ich doch hungrig sein müsse, Kaffee zu trinken. Ich 
nahm es an, und gerieth in ein Stübchen voller Kinder, die lustig durch- 
einander tobten und schrieen und sich wenig um den fremden Ilerrn küm- 
merten. Nachdem ich getrunken und gegessen, zeichnetg ich dem Auen 
sein Portrait, und er schenkte es seiner ältesten Tlochter, einem funfzehn- 
jährigen Mädchen mit scharfen und bestimmten Zügen, „zum Andenken 
wenn er einmal gestorben wäre." 
Er begleitete mich darauf hinaus vor die Stadt bis zur Cornelien- 
kirch e. Von dieser ist nur, seltsamer Weise, nicht der Chor, der in der 
Regel zuerst gebaut wird, sondern das Schiff fertig; sie dient geggnyvärtig 
als Magazin und ist verschlossen. Ueber der auf der Nordseite gelegenen 
 Ich war, als ich Obiges schrieb, durch Mone zu Hammers "Funrigruben 
des Orients" geführt worden und "hatte eben, im sechsten Bande, seinen Aufsatz 
über den Baphomet gelesen. Meine Phantasie war mit templerischer Mystik er- 
füllt; ich erblickte daher leicht auch draussen, was drinnen träumte. Sollte in 
den Bildern jener Chorstühle wirklich templerissrhes Element sein, so kann es 
natürlich nur auf einer, vielleicht unbewussten Nachbildung überlieferter Formen 
beruhen, da der Orden der Templer längst aufgehoben war. Ich habe nicht nö- 
Uliäl hinzuzufügen, dass neben aller Mystik auch die, gelegentlich höchst über- 
müthige Laune der mittelalterlichen Künstler ihr sehr entschiedenes produktives 
Recht hatte.
        

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