Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1478376
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1479189
CAD. II. ANTONIO ROSSO. 35 
 
sich, Dank seinem Streben und dem Auftreten Giorgione's und 
Palma's, die Umwandlung der venezianischen Malerei eben erst 
vollziehen sollte. Der Maler der Madonna in Casa Vallenzasco 
aber hat diesen Wandel schon erlebt; es kann recht wohl ein 
Knabe aus der Familie Vecelli gewesen sein, wissen wir doch, 
dass dieselbe mehr als eine Generation von Malern hervorgebracht 
hat; an Tizian aber darf man nicht denken. 
Stellt somit die Tradition über das eben beschriebene Ma- 
donnenbild die venezianische Kunstgeschichte auf den Kopf, so 
ist die andere, wonach Tizian einen altfriaulischen Maler zum 
Lehrer gehabt haben soll, nicht minder ungereimt. Vor dem 
neunten Jahre ist überhaupt künstlerischer Unterricht, wenigstens 
in der Malerei, gegenstandslos. Gleichwohl hat man sich ausser- 
ordentliche Mühe gegeben, um klar zu machen, dass Tizian seine 
Anleitung zur Kunst durch Antonio Rosso erhalten habe. Den 
Anstrengungen des künstlerischen Lokalpatriotismus ist es denn 
auch gelungen, einen vollständigen Stammbaum der Rossi herzu- 
stellen; diese glücklicher Weise nicht veröffentlichten Tafeln zeigen 
die Verzweigung der Malerfamilie aus der Mitte des dreizehnten 
Jahrhunderts bis ans Ende des achtzehnten. Allein Antonio Rosso, 
der in der Zeit von 1472 bis 1502 Fresken und Altarstücke für 
verschiedene Kirchen in Cadore ausgeführt hat, kann schlechter- 
dings auch nicht den geringsten Anspruch im erwähnten Sinne 
machen. Er ist Nichts als ein Fortsetzer der alten kindisch ge- 
wordenen Kunstübung, wie sie in den italischen Alpengegenden 
betrieben wurde und von dem Augenblicke an für immer ver- 
schwand, als die Schüler der Vivarini, der Bellini und Cima 
der Landschaft sind nur noch Bruchstücke sichtbar. Die Farben sind blind und 
stumpf, wenn auch hart und entschieden im Ton; an vielen Stellen ist das Bild 
durch Schäden verunstaltet, z. B. an Hüfte und Schulter des Kindes, und der blaue 
Mantel Mariafs ist bis auf die Untermalung verziehen. Fall und. Anordnung des 
Gewandes ist kindisch. Deutlich erkennt man jedoch, dass Umriss und Behandlung 
dem sechszehnten Jahrhundert angehören. Die keck aufgesetzten Lichter der 
Gewandung, die moderne Art der_ Bewegung Marias, alles gibt zu erkennen, 
dass wir es auch nicht mit einem Knaben aus dmm fünfzehnten Jahrhundert zu 
thun haben. 
3'!
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.