Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1478376
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1479023
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DIE BELLINI. 
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aus. Sie componierten nicht blos die üblichen Altarbilder, sondern 
waren zugleich Meister im Porträt, Schöpfer des nach höheren 
Stilgesetzen abgerundeten Gruppengemäldes und Begründer der 
Landschaftskunst, wogegen sie die weitere Ausnutzung der klassi- 
schen und vorzugsweise plastischen Vorbilder und die tiefere 
Ergründung verwickelter mathematischperspektivischer Fragen 
dem Mantegna überliessen. Giovanni war nach beiden Richtun- 
gen gerade so weit bewandert, als es dem Zweck des Coloristen 
entspricht. Während neben ihm Crivelli sich in der Verbindung 
mantegnesker Trockenheit mit umbrischer Zierlichkeit erging und 
andrerseits die Vivarini sich mehr an der äusserlichen Geberde 
des paduanischen Realismus genug thaten, durchdrang er fast alle 
Tiefen der menschlichen Seele, ersetzte die leere Feierlichkeit des 
byzantinischen Wesens durch natürliche Formensprache und be- 
herrschte die Skala der Gefühlszustände von majestätischer Würde 
zu stillem, maassvollem Mitgefühl oder sonniger Heiterkeit. Da- 
bei herrschte in dem Geschmack des Beiwerkes seiner Bilder an 
Stelle eines oberflächlichen Luxus vielmehr die Absicht der Stei- 
gerung des gemüthlichen Interesses. Seine Zuthatcn erklären sich 
stets aus Anforderungen der Sitte und der Zeitbildung. Wie er 
den verwöhnten Beschauer durch Einführung wirklich praktisch 
gedachter Baulichkeiten oder farbiger Zierraten an das schöne 
Behagen seiner Stadt und die Vornehmheit ihrer öffentlichen Denk- 
male erinnert, so ergötzt er den einfachen Menschen, indem er 
den veralteten Goldgrund oder die Pracht der Draperien durch 
klaren Himmelsgrund ersetzt, auf dem leuchtende Wolkenflocken 
dahinziehn; unter ihnen aber breiten sich nach und nach immer 
reicher werdende lachende Gefilde aus. Denn wie Erfahrung und 
Geschmack des Künstlers reifen, so cultiviert sich auch die Welt 
in seinen Bildern. Die harten phantastischen Felsgründe der frühe- 
ren Zeit schmelzen allmälig und machen wonnigen, von fernen 
Bergen gesäumten Landschaften mit grünen Tritten und stillen 
Seen Platz. Nur gelegentlich mahnt ein Rest orientalischen Ko- 
stüms an die Kunstmode von ehedem, und mit dem materiellen 
Prunk verschwindet auch die Härte der Farbencoutraste und die 
weichliche Körperlosigkeit des Colorits. Durch weise Abwägung 
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