Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1478376
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482447
ÜAP. 
DER ZEITGENOSSEN. 
URTHEIL 
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er das Real-Mechanische verbarg. Keine blosse Nachahmung, son- 
dern eine Verkörperung des durch klare Einsicht in Ursache und 
Wirkung erzielten Naturverständnisses war diese Kunst; sie löste 
der Erscheinungswelt die Zunge, sodass sie verkündete, was im 
blossen Schein der Dinge verborgen liegt. In allen Zeiten wurde 
Tizian dieser hohe Vorzug zuerkannt, 'aber er gelangte  wie ge- 
wisse Blurnenarten  erst in seinem Lebensherbst zur vollen Blüthe. 
Als Lodovico Dolce i. J. 1538 seine Paraphrase der sechsten 
Satire des Juvenal dem Maler widmete, erhob er die Kunst des 
Poeten über die seinige, weil Tizian's Porträts trotz ihrer Voll- 
kommenheit doch. den Odem des Lebens entbehrten, während 
JuvenaPs Gemälde kein Abbild des Lebens, sondern das Leben 
selbst sei. Andere Schriftsteller gingen noch weiteiam Es gab, 
wie Vasari sehr richtig sagt, eine Zeit, wo der Meister seine 
Arbeiten mit einer solchen bis ins Einzelste gehenden Sorgfalt aus- 
führte, dass sie die Betrachtung aus jedem Abstand vertragen. In 
einer späteren Periode waren seine Pinselstriche und sein Farben- 
auftrag für eine genauere Betrachtung nicht geeignet, aber in der 
Brennpunktsentiernung Waren sie vollkommen wirksam und mit 
einer so erstaunlichen Geschicklichkeit gemacht, dass die dar- 
gestellten Seenen wirklich zu sein schienenf") „Tizian hat drei 
Leben", sagt Pino, „ein natürliches, ein künstlerisches, das dritte 
ist ewigfm  „Seinen Gestalten fehlt einzig die Stimme u, erklärt 
Biondo, „in allem Andern sind sie die Natur selbst"?  "Die 
Natur dankte zu Tizian's Gunsten ab"  ergänzt Ridolfi  „und 
empfing ihre Gesetze durch seinen Pinselfws  „Tizian's Kunst 
glich in allen Dingen der Natur", erklärt Boschini; „seiue Säug- 
linge nährt Milch, er webt die Steife; bei ihm bewegen sich die 
Arme; er versetzt Bäume, Hügel und Ebenen in sein Gemälde; 
seine Thiere scheinen gerade erst aus der Arche hervorgegangen; 
59 Die Widmung, Padua, 10. Oktober 1538, wurde mit der Ausgabe der 
Satire gedruckt (Venetia, presso Curzio Navö) und wiederabgedruckt bei A. Maier, 
della imitazione pittoriea, Venedig 1818, S. 346. 
so Vasari XIII. 39. 
51 P. Piuo, Dialoge di pittura, Venedig 1548, fol. 23 v. 
62 s. Mich. Ang. Biondo: della nobilissima pittura, Venedig 1549, cap, 17. 
63 Ridolü , Maraviglie I. S. 195.
        

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