Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1478376
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482437
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TlZlAN'S 
STELLUNG 
UM 1535. 
gesellschaftliche Geltung, die in der Geschichte seines Berufes 
rast ohne Beispiel ist. Mit Ausnahme Albertfs, RaiaePs und 
Michelangelds hat kein Künstler je sich einer solchen Stellung 
erfreut. Während aber Alberti's Wirken sich auf den kleinen, 
wenn auch gewählten Kreis der Florentiner Humanisten be- 
schränkte, hatte Tizian seine Freunde in allen Klassen; während 
Rafael in der Blüthe seiner Jugend vom Tode hinweggerafft wurde, 
schuf er aus unversiegbarem Lebensborn, überlebte die Jahre der 
jugendlichen Freuden und Genüsse und hatte gelernt, im Verkehr 
von Mensch zu Mensch zu geben und zu nehmen; ungleich Michel- 
angelo, dessen erhabener Geist nicht blos in seinen künstlerischen 
Werken, sondern ebenso in seinen Aeusserungen als Denker und 
Dichter angestaunt wurde, aber in unnahbarer Einsamkeit be- 
harrte, liebte Tizian die Geselligkeit und gab sich gern ihren 
Freuden hin. Er besass die so wenigen Menschen eigene Fähig- 
keit, seine Zeitgenossen, welcher Gesellschaftsstufe sie auch an- 
gehören mochten, zu bezaubern, und wenn er Feinde hatte, so 
durfte er füglich eben nur die menschliche Natur anklagen, die ein 
nahezu vollkommenes Glück nicht ohne Neid mit anzusehen ver- 
mag. In ganz Venedig. gab es nicht Einen Künstler, der hoffen 
durfte, ihm an die Seite gestellt zu werden, und Niemand hat 
dies glücklicher bezeichnet, als Vasari, wenn er bemerkt: „Tizian 
hatte Nebenbuhler in Venedig, aber keinen, der mehr Talent be- 
sass, keinen, den er nicht durch seine Vorzüge als Künstler und 
seine Weltkenntniss im Umgang mit Hochstehenden niederge- 
schmettert hätteßis In der That zeichnete sich Tizian vor der 
grossen Menge der Künstler jener Tage besonders durch eine 
Eigenschaft aus, die zu allen Zeiten selten ist: er war und blieb 
der vornehme Mann.  
In einem Alter von 60 Jahren erhob Tizian die Wirkung 
seiner Kunst nicht nur zur äusserlichen Aehnliehkeit mit der Natur, 
sondern er verlieh ihr zugleich die innerlichen Feinheiten der- 
selben, welche so Vielen immerdar ein Buch mit sieben Siegeln 
bleiben. Sein Geheimniss war, dass er den Reiz enthüllte, während 
 
58 Vasari XIII.
        

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