Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1478376
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482052
5B 
TIZIAN 
KARL 
UND 
DER V. 
CAP. 
es ist erstaunlich, mit welcher Kraft er seine Ideen entwirft und 
ausführt. Der Bischof sitzt auf erhöhtem Podium, zu welchem 
Marmorstufen emporführen. Am Fusse dieser Stufen links sieht 
man einen Bettler halb knieend, halb sich emporreckend, um die 
Almosen aufzufangen. Seine Lumpen contrastieren ergreifend mit 
dem weissen Chorhemd und den rothen Gewändern des Heiligen, 
aber weit bemerkenswerther als der Gegensatz der Kleidung ist 
der, Welcher sich in Bewegung und Handlung kundgibt: 
Venedig, Der Bischof, dem ein Engel mit dem Kreuz zur Seite 
steht, hat lesend an seinem Pulte gesessen und wendet sich mit 
 plötzlichem Entschluss dem Bettler zu, blickt hoheitsvoll auf 
das demüthige Geschöpf zu seinen Füssen nieder und lässt eine 
Börse in dessen Hand gleiten. Alles bis auf das Kleinste ist hier 
 berechnet, aber die Farben zu einem Akkord von so reiner Har- 
monie gestimmt, dass man weit Wenigeridie einzelnen Tinten als 
die Gesammtwirkung wahrnimmt. Ebenso hat Tizian Licht und 
Schatten trotz aller Genauigkeit der Abwägung mit solcher Breite 
vorgetragen, dass ein brillantes Spiel von Sonne und Atmosphäre 
erzielt ist. Die_Formen sind natürlich und gemessen, die Geberden- 
spraehe kräftig und verständlich dabei, die Verkürzungen kühn 
ohne Zwang, das Nackte untadelig, die Modellierung vollendet. 
 Tizian hatte damals Rom noch nicht gesehen, umso auffälliger ist 
hier wie auf dem Bilde des Petrus Martyr die Ahnung Michel- 
angelds in der düsteren Grösse des Johannes, der Anklang an 
Rafaells erhabene Tapeten-Figuren in dem Bettler. Majestätisch 
und kraftvoll in der Wiedergabe der menschlichen Gestalt, malt 
er die Natur in einem Zustande erhöhter Lebensäusserung, aber 
ohne irgend welche Ueberspannung. Seine Farben sind pracht- 
voll, die Beherrschung der Linien und die Führung des Pinsels 
 unübertreiflieh. Vor solchen Meisterwerken müssen Künstler wie 
Tintoretto, Andrea Schiavone und Paolo Veronese in stummer 
Bewunderung gestanden haben, der Erstere angespornt, auf diesem 
Wege noch kecker vorzuschreiten, die anderen zur Aneignung 
solch' erhabener Realität und zur Uebertragung derselben auf ihr 
Stoifgebiet angetrieben. Wäre das Gemälde so gelassen worden 
wie Tizian es gemalt hatte, undnicht gleich anderen seiner Werke
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.