Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1478376
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1482009
CAP. x. ALLEGORIE FÜR DAVALOS. 
ÄÜ 
Auf Gemälden des fünfzehnten und sechszehnten Jahrhun- 
derts begegnen häufig Zuge, die dem Beschauer von heute un- 
ziemlich erscheinen, und das eben beschriebene Bild gehört viel- 
leicht zu diesen; allein auf heiligen Darstellungen einer frühe- 
ren Zeit und besonders auf Bildern der Verkündigung kommen 
Naivetäten vor, die unserer Prüderie noch viel mehr zumuthen. 
Tizian erlaubt sich in der Sprache seiner Kunst nicht mehr als 
Shakespeare in der seinigen. Auch dürfen wir nicht vergessen, 
(lass Melodie und Maass der Verse eines Ariost oft Dinge um- 
kleiden, die jeden Leser von heute erröthen machen, der lockeren 
Novellen B0ndello's ganz zu geschweigen, die an Indecenz Alles 
übersteigen, was jemals von Boccaccio geschrieben worden ist. 
Tizian's Bild gehört sowohl als allegorische Darstellung wie als 
Werk eines unerreichten Meisters der Farbe zu den entzückend- 
sten Leistungen, die je hervorgebracht worden sind. Es vereinigt 
sich darin eine solche Süssigkeit des Tones mit so reicher Fülle 
der Harmonie und so hoher technischer Vollendung, dass man nur 
schauen und bewundern kann. Solches Fleisch, solche Gesichts- 
farbe, solche Bewegungen, Blicke von so hingebender Verehrung, 
eine solche Resignation in der Haltung und Tiefe im Ausdruck 
sind schwerlich noch einmal zu finden. Es kann sein, dass wir 
Porträts vor uns haben, aber wer denkt daran, oder wer mag sich 
vorstellen, dass dieser volle Griff in die schöne Natur blos einzel- 
nen Individuen gilt? Tizian hatte vielleicht im Allgemeinen die 
Erscheinung seiner Originale, Davalos und Maria von Arragonien, 
in Gedanken, er verklärte sie aber mit dem gewaltigen stilistischen 
Instinkt, dessen Geheimniss er allein besass. Wir betrachten nur 
die lieblichen Gesichter, die schlanken und eleganten Hände, das 
biegsame lebensvolle Fleisch  das Auge wandert weiter zu den 
glänzenden Formen in dem zarten Dunkel des Hintergrundes 
und entdeckt mit jedem Blicke neue Reize. Dass man hier das 
von Vasari beschriebene Porträt von Davalos vor sich habe, ist 
aus guten Gründen zu bezweifeln, wen aber das Porträt vorstellen 
soll, vermag Niemand zu errathen. Merkwürdig genug, dass mit 
Ausnahme eines Porträts in Lebensgrösse in der Kasseler Galerie, 
welches Tizian's Stil in einer späteren Phase zeigt, aber eine 
20' 
Kassel, 
Galerie.
        

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