Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1478376
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1480103
GAP. 
MARKUSBILD 
SALUTE. 
DER 
123 
Unwillkürlich kommt uns bei Betrachtung dieses Werkes die 
naive Aeusserung Vasarfs in den Sinn „Tizian habe die Antike 
verschmäht  Um das zu widerlegen, braucht es nicht des Hin- 
weises auf den classischen Säulenschaft und den eurulischen Stuhl, 
worauf der Heilige thront; denn dieser selbst ist eine an die 
römischen Kaiserbilder erinnernde Gestalt, wenn er dadurch auch 
in überraschendem Gegensatz zu den Vordergrundtiguren steht. 
Vergleicht man die ganze Anordnung z. B. mit Giorgionds Madonna 
von Castelti-anco, so springt ein grundsätzlicher Unterschied in die 
Augen: die architektonisch-monumentale Regelmässigkeit des Auf- 
baues ist hier der scheinbar zufälligen malerischen Gruppierung 
gewichen. Das Teppichbehänge fallt nicht mehr in der sorglich 
behüteten Flachheit von rechtwinkligem Sockel herab, sondern 
liegt in freien Bauschungen über dem gerundeten Postament, so- 
dass es seine roth und grünen Streifen in breiten Licht- und 
Sohattenwogen wirkungsvoll und manigfaltig darbieten kann. Seba- 
stian ist nicht mit dem herkömmlichen Hüttschurz bekleidet, son- 
dern mit massigem weissen Stoff, der, in einen einzigen Knoten 
geschürzt, den Saum am Boden des würfelgetafelten Fliesses 
schleppen lässt. Die mit Himmel und Gewölk Wunderbar mild 
und fein gestimmte Luft athmet scheinbar innerlich bewegt und 
bildet ein vollendet malerisches Gegengewicht zu dem über den 
Pfeiler zur Rechten ausgebreiteten tiefen Schatten. Auf die Ge- 
stalt des Sebastian ergriesst sich ein breiter Lichtstrom, der vom 
Estrich aufgefangen und wieder zurückgeworfen, in strahlender 
Fülle bis zurBrust des heiligen Markus hinaufwirkt. Die beiden 
Vordergrundgruppen aber sind durch eine energische Schatten- 
schicht getrennt, die am Boden haftet und den Sockel des Altar- 
baues in düstere Dämmerung hüllt. Die Behandlung der Gewänder 
unterstützt in bisher unübertroifener Weise die Wirkung der ver- 
hüllten Formen. Breit liegt die rothe Tunika über der mächtigen 
Brust des Markus und der über seinen Schcoss gebauschte blaue 
Mantel hebt sich vermöge des tiefen Ultramarin der weniger vor- 
tretenden Falten wirkungsvoll ab  als hätte Tizian die Grund- 
sätze monumentaler Gewandanordnung inne gehabt, welche Fra 
Bartolommeo in den Werken seiner männlichen Vollkraft meisterte.
        

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