Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Tizian
Person:
Crowe, Joseph Archer Cavalcaselle, Giovanni Battista Jordan, Max
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1478376
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1479888
CAP 
E1 
DER 
ZINSGROSCHEN 
101_ 
der so überwältigend mit Dürer zu wetteifern vermöchte", aber 
in Wahrheit war dieses Erstaunen gerechtfertigt. Denn Tizian 
entfaltete in diesem Werke eine Genialität der Naturauffassung 
und eine Herrschaft über die Darstellungsmittel, wie sie bisher 
keiner seiner Landsgenossen an den Tag gelegt hatte.  
Der künstlerische Geschmack, mit welchem Tizian verfahrt, 
nähert seine Gebilde deshalb der Naturerscheinung in überraschen- 
dem Grade, weil die Behandlungsweise durch das feinste Maassgefuhl 
geleitet ist. Erblicken wir ein menschliches Antlitz aus gewisser 
Entfernung, so verschwinden Poren und Milchhärchen, wiewohl 
wir wissen, dass sie vorhanden sind. Erst bei näherer Besich- 
tigung werden sie wahrnehmbar. So auch bei Tizian. Haare, 
Geader, Sehnen sind wirklich angedeutet, aber so, dass sie schon 
bei mässigem Abstand unbemerkbar werden und das Bild den 
Eindruck einer Fülle und Breite hervorruft, bei der wir solche 
Einzelheiten nicht mehr vermuthen. Noch heute gilt Vasarfs 
Urtheil, dass der Christuskopf unseres Bildes „staunenswerth und 
wunderbar" sei.  Unter den zeitgenössischen Künstlern galt er 
für Tizian's vollendetste malerische Leistungüß; für uns aber hat 
er Eigenschaften, die weit über das handwerkliche Verdienst hin- 
ausgehen. So einfach der Vorgang dargestellt ist, so tief und fein 
ist der zu Grunde liegende Gedanke. Niemals vielleicht ist Seelen- 
adel und Gemeinheit so drastisch und doch so fern von beleidi- 
gender Uebertreibung ganz in den Grenzen des menschlich Glaub- 
haften einander gegenübergestellt worden wie in den beiden 
Männern dieses Bildes. Mit unbeschreiblich mild-ernstem Blick 
Wendet sich Christus seitwärts dem Pharisäer zu, der ihn mit 
lauernd zusammengekniifener Miene anblinzelt, und bekräftigt mit 
der nach der dargehaltenen" Münze deutenden Hand das Wort, wo- 
mit er die verfangliche Frage des Feindes entwaffnet. Sein 
jugendlich männliches Antlitz, von dichtgekräuseltem schwarzen 
Barte umliossen, ist von lang wallendem Haupthaar eingerahmt, 
während das Profil des Hebräer-s mit der geschwungenen Adler- 
nase und dem kurzgeschorenen Haar scharfkantig vom dunklen 
Dresden, 
Museum. 
Marav. 
Ridolfii, 
209. 
53 Vasari XIII.
        

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