Volltext: Tizian (Bd. 1)

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DER 
.ZINSGROSCHEN' 
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Wir nahen uns nun aber dem Jugendwerke Tizian's, welches 
nicht blos eine Epoche in der Entwickelung des Meisters be- 
zeichnet, sondern vermöge seiner fast absoluten Vollkommenheit 
zugleich ein kunstgeschichtliches Denkmal ersten Ranges bedeutet. 
Der „Ohristus mit dem Zinsgroschen  lange Zeit ein Schatz im 
herzoglichen Palast zu Ferrara, jetzt eine der Hauptzierden des 
Museums zu Dresden, gehört zu den Werken, welche nach viert- 
halb Jahrhunderten Nichts an der unbedingten Anziehungskraft, 
dem staunengebietenden Adel verloren haben, den die Zeitgenossen 
des Meisters empfanden. Genaue Nachrichten über Tizian's erste 
Beziehungen zum ferrareser Hofe fehlen uns. Wir vermögen 
nicht festzustellen, 0b das Bild auf" Anlass Alfonsds von Este 
entstanden ist, aber es erscheint doch nicht zufällig, dass das 
evangelische Wort, welches dem Kunstwerke zu Grunde liegt: 
„Gebet dem Kaiser was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist" 
der Sinnspruch der Goldmünzen dieses Fürsten war, in dessen 
Hände es ohne Zweifel frühzeitig schon gekommen ist. 
Anekdoten sind die wilden Schösslinge der Geschichte. Wo 
sie Zusammenhang mit dem Baume verrathen, von welchem wir 
die Frucht der Wahrheit zu pflücken haben, gewinnen sie Anspruch 
aufBeachtung, und wir vermögen keine Gleichgiltigkeit zu heucheln, 
wenn wir die Ursprungsgeschichte "eines Werkes von so hoher 
Bedeutung in einer Fabel finden, die  wie es hier der Fall ist 
 eine schon anderweit begründete Wahrnehmung bestätigt, näm- 
lich den tiefen und dauernden Eindruck des Dürefschen Geistes 
auf Tizian. Scannellfs Bericht, den wir hierbei im Sinne haben, 
mag immerhin den Werth der Plauderei kaum übersteigen. Er 
hat einen glühenden Bewunderer des Meisters zum Verfasser. 
Scannellfs „Microcosmo  165.5 niedergeschrieben und zwei Jahre 
später veröffentlicht, war aus dem lebhaften Verlangen ent- 
standen, den wirklichen Hergang klarzustellen und beruft sich 
auf die Erzählung eines Künstlers, welcher während eines Auf'- 
enthaltes in Venedig in seiner Jugendzeit angeblich einen älteren 
Kunstgenossen, der zu Tizian's Freunden zählte, nach den Um- 
standen befragt und von ihm Folgendes erfahren hatte: „Tizian 
erhielt eines Tages bei nicht näher bekannter Gelegenheit den 
7111 
Dresden, 
Museum.
	        
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