Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Daniel Chodowiecki's sämmtliche Kupferstiche
Person:
Engelmann, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1471950
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1472626
XLVI 
Chodowiecki, 
als (ler Spevculationsgeist seines Onkels ihn auf das Maler kleiner Dosenbilder 
und Miniaturen beschränkte, wobei sein Geschmack um so grössere Gefahr lief, 
da er die darzustellenden Gegenstände nach schlechten Mustern französischer 
Kupferstiche ausführen musste, ja selbst dann, als er sich schon freier be- 
wegte, vermochte er sich nicht sogleich über ein Zeitalter zu erheben, in wel- 
chem die französische Mode jede edle Form vernichtete und die Grazie im Reif- 
rock erschien. Sein richtiges Gefühl lehrte ihn aber bald diese Mängel er- 
kennen; diese Erkenntniss führte ihn zur Natur, die seine Lehrerin wurde, 
und je näher er diese kennen lernte, je mehr entfaltete sie ihm ihr Wirken in 
dem Leben und 'l'reiben der Menschen. Scharfsinnig beobachtend, fand er 
heraus, wie die verschiedenen Affecte und Leidenschaften, Tugenden und Laster 
in dem Aeusseren der Menschennatur sich zu erkennen geben, und keine noch 
so leise Nüance entging dabei seinem beobachtenden Blicke, weder im Edeln 
noch im Niedrigen, deren Beider Darstellung er zu Contrasten benuzte. So 
bildete sich nach und nach der Seelenzeichner, Maler und Stecher, immer 
gleich wahr, mit welchem Materiale er auch seine Bildungen darstellte. 
In seinen Z ei c h nu nge n ist nichts Gesuchtes, nichts Ueberflüssiges ; alle 
Grenzlinien der Composition sind streng gezogen; eine Figur erklärt die andere, 
und ohne schriftliche Erläuterung weiss man sogleich, was der Künstler beab- 
sichtigte; ja selbst in allen einzelnen Figuren ist dieselbe Deutlichkeit. 
Von Manier oder Nachahmung Anderer wollte Chodowiecki nie etwas 
hören?) Wie er sich selbst Alles verdankte, so fand er auch in sich die Mittel, 
jede Darstellung auf seine eigenthümliche Weise auszuführen , ohne sich dabei 
eines fremden Vorbildes zu bedienen. Seine frühern Zeichnungen nach Boucher, 
in Octavformat, sind mit grosser Sorgfalt vollendet. Mit zartem Pinsel sind 
die Umrisse angegeben und mit schwarzer Tusche Heissig ausgeführt. Den- 
selben Fleiss und dieselbe Sorgfalt findet man schon in den kleinen Blättern 
zum Blaise Gaulard, welche er 1752 in 43 Darstellungen bildete. Der Roman, 
welcher ihm dazu den Stoff gab, scheint ihm viel Vergnügen gemacht zu haben, 
denn er schrieb einen besondern Auszug aus demselben und liess diesen mit 
den Zeichnungen zusammenbinden H), und zu dem Kalender von 1775 benutzte 
er zwölf Zeichnungen davon, welche er ebenfalls selbst radirte. 
Die Stu di en und Zeich n un g en , welche er nach der Natur und dem 
Leben ausführte, sind leicht behandelt, aber höchst charakteristisch. Zu diesen 
bediente er sich theils des Bleistifts oder der schwarzen Kreide, theils des 
Rothsteins; auch bediente er sich viel des farbigen Papiers, auf welchem er die 
Lichter mit weisser Kreide erhöhte. Selten überschreiten diese Zeichnungen das 
Octavformat, die grossen Bildnisse ausgenommen, welche er in grosserZahl mit 
 Der ExpciL-Secret. des Herzogs von Weimar Friedrich Justus Bertuch hatte ihn 1'775 in 
einem Briefe mit I-Iogarth verglichen, welches Chodowiecki übel aufgenommen zu haben scheint. 
Bertuch erwicdcrt darauf: "Albern war es von mir, dass ich durch eine Vergleichung mit Hogarthk 
„Talenten meine Hochschätzung Ihnen ausdrücken wollte. Sie sind etwas anders, sie sind in vielen 
"Stücken mehr als Hogarth. Man thut allezeit unrecht, wenn man einen Originalgenie mit dem 
.V,Maasse eines andern messen wjill. Aber ihn vollends zum Nachahmer des andern machen zu wollen 
Hist Dummheit. Wer waren wohl die lieben Leute, die in ihrem L ü d e rlic h en Kopien Hogartlfs 
„fanden? Nein, liebster Freund, so was hatte ich und konnte ich nie im Sinne haben, als ich Ihnen 
„in meinem vorigen Briefe von Hogarth schwatzte. Blass die Sucht zwischen 2 Genien Parallelen zu 
"ziehen, die mir Zuweilen aiiklebt, hatte mich dazu verlcidet und da fand ich unter allern Zeichnern 
"die ich kenne, keinen Charakter-Zeichner, den ich lhnen hätte Vis a vis schicklicher geben können 
"als Hogarth.  Aber wer hiess mich Parallelen ziehen wo keine statt finden? "i 
 Die 43 Zeichnungen sannnt (lum geschriebenen Texte sindjezt im Besitz S. K. H. des Gross- 
herzogs von Sachsen JVeiinar.
        

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