Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1463054
BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE 
wird das Auge weniger beschäftigen als ein Dreieck. Also 
scharfe Formen kommen mehr nach vorne als runde; z. B. ein 
rundliches Ornament wird, abgesehen von der Farbe, einen 
Mantel im Hintergrund mehr zurücktreten lassen als ein scharf- 
zackiges, welches selbst eine neutrale Farbe, die man vortrcten 
lassen möchte, herausrückt. 
Die genaue Kenntnis der Farbenwerte und ihrer Wirkung 
gegen- und übereinander ist das eigentlich malerische Mittel, 
um Raum zu schaffen, und selbst die göttlichste Linearperspek- 
tive wird durch Farben wieder aufgehoben. 
Denn das Loslösen von der Tafel, das Glaubwürdigmachen 
ist die ganze Kunst des Malers. Aber an etwas menschlich 
interessantem muss er sie geltend machen können. Sonst 
brauchte man ja nur einen glaubwürdigen Würfel zu malen. 
Zu dem kommt bei Böcklin dann ungeheuer viel Erlebtes, 
Genossenes [bis ins Nebensächlichste hinein, so die Türkisen 
in den goldenen Kapitälen der „kastalischen Quelle". (Er er- 
innerte sich aus seiner Jugend an eine schöne Frau, die in Gold 
gefasste Türkisen als Ohrringe hatte und ihn aufhob resp. sich 
über ihn beugte, als er krank war.)] Man behält einen fröh- 
liehen, traurigen etc. Ausdruck, den die Natur hatte, Kleinig- 
keiten, die einem aufgefallen sind  und giebt sich Rechen- 
schaft darüber. 
Böcklin erzählt z. B.: „Ich ging in München quer durch 
den Hofgarten und sah eine Reihe winterlicher Baumstämme, 
mosig schwarz. Darauf Epheu, auch dunkelgrün mit grünen 
Rippen, dazu ein einziges chromgelbes Blatt, auf fast weissem 
Hintergrund. Ich habe nie vergessen, wie ernst das war. 
Kein fröhlicher Dur-Accord, keine Auflösung. Scharfe Gegen- 
sätze gegen das Dunkel; nicht eine einzige freundliche Ab- 
weichung, nicht einmal in dem Grün des Epheus oder Mooses. 
Wäre das Blatt rot gewesen,  ich wäre pfeifend vorüber- 
gegangen, das Ganze hätte mir keinen Eindruck gemacht." 
Das ist ein Beispiel von hundert Kleinigkeiten, die einem 
von der Kinderzeit her bestimmte Eindrücke gemacht haben 
und geblieben sind. 
Alles dies und so vieles andere, was das bewegliche Ge- 
dächtnis besitzt, fliesst mit der dauernden Darstellungsarbeit in 
einen Strom zusammen (fast unbewusst, wie ein Mensch, der
        

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