Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1464974
232 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE 
ist sehr richtig für die Lehrjungen, Handwerker etc., etwa wie 
die Religion für die Masse. Es steht da wie der Verstandes- 
mässige (wissenschaftliche) Begriff dem künstlerischen Anschauen 
gegenüber. Wo bleiben da die so viel gepriesenen Chinesen, 
die rein malerisch wirksamen Dekorationen? Dass er im Grunde 
Recht hat  weit sich die Sache für die Ästhetik ausschlachten 
lässt, 
weiss 
jeder 
Schuljunge. 
Wenn 
Alten 
blaue 
Fernen 
malten 
blau 
das ja nicht, auch der Himmel sieht nicht so aus  so macht 
das nichts. Aber wehe einem Modernen! Jene wussten wohl, 
dass die Palette nicht ausreicht, um den Glanz der Welt dar- 
zustellen.  
Realismus! In der Theaterkunst halte ich das z. B. nur 
für eine Vortragsart. Denn das ganze Ding, Stück geheissen, 
das Verhältnis zu den Coulissen, dem Publikum, dass ich, den 
jeder kennt, für einen ganz anderen genommen werde, das alles 
ist doch von Anfang bis zu Ende nie etwas Reales sondern Kon- 
vention. S0 geht's in der Malerei auch. Bleibt die Frage als 
einzig entscheidend  wenn wir nicht von blossen Virtuosen 
reden: was haben sie zu sagen, vorzutragen? 
[Was heisst Realismus in der Malerei? Schon die Be- 
grenzung ist Sache der Individualität, welche suchend vor die 
reale Natur tritt, dann gar die Farbenskala; denn jene der Natur 
ist nicht die des Malers.]  
Wir haben ein Bedürfnis nach Kunst. Aber aristokratisch 
verkleinert ist alles, Kunst für reiche Leute und folglich keine 
Kunst. In unseren Zeiten des Sozialismus sollten wir uns 
freuen, wenn das heitere Erziehungsmittel der Kunst allen zu 
teil werden könnte, wenn das anspruchsvolle kleinliche Sopha- 
bild, welches bestenfalls bestimmt ist, in den Museen Kunst- 
oder Sittengeschichte zu lehren, der Fassadenmalerei den Platz 
im öffentlichen Interesse abtreten müsste. Wir haben keinen 
Stil und auch nicht die Vorbedingungen zu einem solchen. Das
        

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