Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1464647
 UNSERE ZEIT, MODE, PUBLIKUM 199 
 
sie nicht sehen und selbständig durchschauen gelernt haben, 
glauben sie, der andere sei der „Eigentümliche", „Einseitige", 
an dessen Merkwürdigkeit man sich immerhin erfreuen könne. 
Während doch gerade der Künstler, der wirklich einer ist, der 
Normalmensch ist, der für alles Auge und Verständnis hat, der 
anallem teilnehmen muss; gerade er muss die ganze Bildung 
seiner Zeit besitzen, kein einseitiges Wissen freilich. Gerade 
er macht nichts zufällig. Gerade er braucht so viel klaren 
zielbewussten Verstand wie nur einer, nur um die Rechnung 
seines Bildes aufzustellen und stets ganz vor Augen zu haben, 
alle Faktoren aneinander abzuwägen, um den einzelnen wie die 
zu erzielende Summe zu ihrem vollen (höchstmöglichen) Wert 
gelangen zu lassen. Niemand hat so sehr als ein ganzer Mensch 
an seine_Aufgabe (an jede neue) hinanzutreten, niemand muss 
sich so reich erweisen im Verlauf der Zeit, wie gerade der 
Künstler,-der nicht wie der Gelehrte ein Steckenpferd reiten 
darf, eine Fähigkeit seines Geistes einseitig ausbilden kann. 
Sehen, angeregt empfinden und mit Verstandesgewalt kompri- 
mieren muss er zu gleicher Zeit. 
Wenn die Gelehrten nicht einmal sehen, noch durch das 
Sehen anzuregen sind und nun die Herrscherthätigkeit des 
Verstandes in einem Kunstwerk nicht begreifen, so liegt das 
an ihrer einseitigen Ausbildung, welcher die gleichzeitige Viel- 
seitigkeit einfach unfassbar ist und bleiben muss. 
„Um Gotteswillen"  sagt Herr X.  Kunstschriftsteller  
„wir sitzen in unserm dunkeln Drehturm mit dem grossen ästhe- 
tischen Teleskop von Winckelmann, Lessing 8c Co. und sehen 
da oben in dem endlosen Schwarz ein helles Pünktlein und 
finden Wieder eins und notieren es  denken Sie sich, ich 
habe geträumt, ich sei dagewesen, und es seien Welten gewesen, 
nicht bloss auf dem Papier ausgerechnete!" 
Ehrliche Menschen, d. h. solche, die mitteilen, was sie 
meinen und empfinden, giebt es ja nach moderner Schulung 
kaum noch. Die Geschichtsschreibung an der Spitze, so positiv 
sie thut, kann gar nicht. Wenn ein preussischer Professor
        

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