Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1464622
UNSERE ZEIT, MODE, PUBLIKUM 197 
 
Über das Banalste staunen natürlich die meisten, und da- 
für ist folglich auch am meisten Geld Hüssig. 
Das Niveau des technischen Durchschnittskönnens ist, 
ebenso wie die Virtuosität, in der Malerei so gestiegen (ebenso 
wie in allen anderen Reproduktionsverfahren, die man noch 
immer Künste nennt), dass ihre Produkte in Wertschätzung 
und Preis sinken müssen, dass eine Übersättigung des Publikums 
eintreten muss. Was jeder lernen kann, was die Maschine auch 
giebt, wird bald niemand mehr zahlen wollen. Allerdings sinkt 
zu gleicher Zeit und besonders mit der allgemeinen Verwissen- 
schaftlichung auch das Niveau der Fähigkeit zu wahrem Kunst- 
genuss. 
Leitet selbst die Kunst keine Überlieferung  wie bei 
Böcklin  wie ratlos steht dann erst das durch keine Ge- 
wöhnung geleitete Publikum vor einem Schatzhaus, zu dem es 
keinen Zugang sieht, und von dem es nicht einmal durch her- 
kömmliche sprechende Formen weiss, dass es eins ist. 
Sie sehen nie, worauf es ankommt, sondern nur, was 
drum herumhängt. Mit welchem Abglanz von Kunst die Menge 
sich selbstzufrieden abfinden lässt, ist kaum zu glauben (mit 
dem von der Kunst untrennbaren äusserlichen, sinnfälligen 
Moment resp. den Empfindungen oder Erinnerungen, die es 
erregt). 
Das „Nacheinander" und Jmmernochwas" ist die Freude 
des Bildungsphilisters und Virtuosenbewunderers, der diese 
"Künstler" nennt und sich damit für einen Kunstkenner hält. 
Seit Böcklin ihn manchmal besucht, sieht Sandreuter 
plötzlich den Wald, den er früher vor Bäumen nicht sah. (Das 
Viele macht das Grosse unmöglich.) Das Publikum sieht und 
sucht immer noch lediglich Bäume oder gar Baumschlag, 
d. h. Blätter in charakteristischer Zusammenstellung und will 
dies sein trauriges kleines "Wissen" oder "Kennen" zuerst 
befriedigt sehen. Der eine verlangt, was dasselbe ist, Zeichnung 
wie er sie versteht, der andere Nebelbewohner Luftperspektive 
im Süden, der dritte vor allem Anatomie. Ebenso recht hat 
der zehnte, wenn er richtige Portepees, Kammerstiefel und 
echte Stoffe verlangt. Als ob das nicht jeder Malklassenschüler, 
Student der Medizin, Kommissoldat oder Schuster besser kennte 
und zu wissen nötig hätte als der Künstler.
        

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