Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1464614
196 BÖCKLIN-AUFZEICHNUNGEN UND ENTWÜRFE 
Also: die meisten Leute sehen wie es gerade Mode ist, 
glauben aber an ihre eigenen Augen und Hirn. Ergo sehen 
nicht sie falsch, sondern der, der anders anschaut als sie. Meine 
Versicherung, dass Böcklin selbst in seinem „Gefilde der 
Seligen" noch lange nicht an die „Effekte" des südlichen Himmels 
reicht, wird darin nichts ändern, auch berührt das ja nur ganz 
äusserlich die Frage. Versuchen wir es lieber mit dem Satz: 
Auch das künstlerische Sehen setzt eine bestimmte Anlage vor- 
aus und will gelernt und geübt sein. Vor allem aber kommt 
es darauf an, wer sieht. Sonntagskinder z. B. sollen mitunter 
mehr sehen als photographische Apparate. 
So gewiss die dichterische Wahrheit wahrer ist als die 
historisch gefundene, so sicher ist künstlerisch gesehene Natur 
wahrer als philisterhaft gelehrte oder mechanisch angeschaute, 
wahrer als die photographierte. 
Aber dass irgend eines Tages auch das Publikum diesen 
Satz glauben würde und anfangen sollte künstlerisch zu sehen, 
erscheint mir nicht einen Augenblick wahrscheinlich. Ebenso- 
wenig wird es aber auch der Versuchung widerstehen können, 
in Dingen der Kunst sein Urteil abzugeben. 
Die „Kunst für Alle" ist ein Wort, an das ich nur so 
lange geglaubt habe, als ich mit der Kunst noch keinen direkten 
Verkehr pflog, sondern einer von den „Allen" war. 
Für jeweniger die Kunst ist-besser, an je weniger ein 
Kunstwerk sich wendet, um so vornehmer wird es wohl sein. 
Das Publikum will sehen, was Seinesgleichen und von 
Seinesgleichen ist, oder es will staunen wie in der Seiltänzer- 
Zaubererbude, und zwar das vornehmste Publikum so gut wie 
das maulaufreissende. Sehen, aber nicht empfinden  nicht 
sich umändern müssen! 
(Einem Publikum, welches Specialisten, Virtuosen und 
Spekulanten bewundert, wird freilich der nach immer grösserer 
Einfachheit, nach immer klarerer Individualisierung strebende 
Künstler wenig zu sagen haben.) 
Demnach richten sich die meisten heutigen Bestrebungen 
auch nicht auf die Kunst, sondern dienen dem Ehrgeiz die 
Maschine  (die das Alltägliche, überall umsonst zu Habende, 
billigst leistet), die Photographie für teures Geld zu erreichen. 
Soweit wird es der Mensch nun allerdings kaum bringen.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.