Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1464609
UNSERE ZEIT, MODE, PUBLIKUM 195 
 
Es ist neben der ererbten Gewohnheit lediglich dieser 
Mangel an Selbständigkeit und Erfahrung im Anschauen und 
an Nachdenken darüber (was. mit „Mode" identisch ist), was 
die Leute über Böcklins Farben resp. seine „Verachtung der 
Form" staunen oder spotten lässt. Auf diesem Gebiet wird 
die Gleichheit aller niemals Wirklichkeit werden. jeder sieht, 
ja, aber von der Wahrheit doch nur das Stück, das ihm ver- 
wandt ist. (Wahr ist für den einzelnen, was er erkennend. 
geniesst, und als seiner Natur verwandt sich assimilieren kann.) 
Es ist nur die Anschauungskraft, die zur Anschauungs- 
Fähigkeit spricht. Auf die Schädel, die sich treffen, kommt es an. 
Unsere Zeit, die so sehr die selbstbewusste unentwegte 
Klugheit schätzt, sollte gerade dieses klugen. Künstlers Spuren 
mit etwas mehr Vertrauen zu folgen suchen. Aber wir sind aller- 
dings mit anderen Dingen beschäftigt, und zwar fahren wir in 
tiefen Geleisen, die auch wohl so bald nicht ausgebessert werden. 
Nächstens ist alles Staatsbahn  von der Wiege bis zum Grabe- 
und auch die kleinsten Wässerchen werden auf die Mühlen des 
Staats geleitet. Die grossen freilich versanden inzwischen. 
Dass die Böcklin'sche Ästhetik die Menge so fremdartig 
berührt (auch z. B. in Frankreich, wo unser ästhetisches 
System von Winckelmanns Gnaden längst keine Gläubigen 
mehr findet), kommt eben daher, dass sie eine ganz individuelle, 
mit nichts direkt Überliefertem zusammenhängende ist, gross- 
gezogen aus dem Widerspruch gegen das Konventionelle und 
I-Ialbkonventionelle. 
Böcklin ist nicht „seltsam grellbunt". Wir sind nur die 
Farbe nicht gewöhnt, welche Raum schafft und Fprm ausspricht; 
wir wissen auch nicht mehr, dass die Kunst heiter sein sollte. 
Wir vererben einstweilen die Galoschen der sog. "Zeichnung" 
und des "Gedankens" weiter, und nach deutscher Art werden 
noch Kind und Kindeskind darin zu schlurfen haben. 
Weil einem eingeschlafenen Ohr eine Harmonie fremd- 
artig erscheint, ist sie deshalb schon Disharmonie? Muss die 
Minorität schon Unrecht haben, weil die Majorität anderer An- 
sicht ist? Ich will an dieser Stelle gewiss nicht unparlamen- 
tarisch werden, aber ich muss manchmal  so ganz von Ferne 
und sans comparaison  an das alte Wort denken: „wat de 
Bur nich kennt, dat frett he nich".
        

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