Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1464598
 
Goethe- und Shakespearegesellschaften, aber nicht der kleinste 
Goethe oder Shakespeare. Wir kennen alles und beherrschen 
nichts. Der Verstand wird erzogen und bestimmt unsere An- 
schauung. Neben ihm beherrschen uns die Gesellschaft, der es 
beliebt Moral feilzuhalten, die Politik, die Gleichmacherei etc. 
Andrerseits haben zu allen Zeiten Erziehung und Gewohn- 
heit uns das Konventionelle als Natur erscheinen lassen, ist 
jede neue Erkenntnis den Massen unbequem gewesen; nun gar 
den Kunstrichtern, die gerade die ästhetischen Dogmen, wie sie 
unter anderen Voraussetzungen geformt wurden, auswendig gelernt 
haben, einen Masstab zu besitzen glauben und nun wieder um- 
lernen, resp. selbst anschauen und empfinden lernen sollen. 
jeder Einzelne übersieht die äusseren Einflüsse, unter 
denen er steht und geworden ist. Die ästhetischen Dogmen 
und Voraussetzungen unserer Väter sind auch uns in Fleisch 
und Blut übergegangen, und sie wirken noch in unseren 
populären Büchern und Gymnasiallehrern nach, Generationen 
lang. Jener, die sich davon selbständig zu machen wussten, 
und doch noch Kraftgenug hatten, das Selbsterrungene zu ge- 
niessen oder zu gestalten, sind wenige. 
Unser Denken, Beobachten, Empfinden etc. ist viel mehr, 
als die meisten glauben, verstaatlicht oder vergesellschaftlicht. Wie 
könnte es auch anders sein! Wir-Publikum und Künstler- 
sind alle der Mode unterworfen, oder sagen wir: dem Zug der Zeit. 
Man ahnt nicht wie viel bei der Beurteilung eines Kunst- 
werks von der jeweiligen Modeanschauung (im weitesten und 
zusammengesetztesten Sinne) abhängt. (Treu spricht, etwas zu 
eng, meine ich, von den „Gewohnheiten des Geschmacks") 
Man lächelt über einen unmodischen Schnitt, als auffällig, 
man lächelt ebenso unselbständig oder unbehaglich über ein 
Bild, welches sich nicht unter die Zeitschablone stellt, nicht 
dem „Zeitgeist" Rechnung trägt. 
Wir sehen konventionell, generationen-, gesellschafts-, in 
Summa herdenweise. Das Publikum ist ebensogut stets 
manieriert wie das Gros der Künstler. Nur Eigensinn und 
Genie brechen aus und gehen eigene Wege. Natürlich versteht 
das das Dutzendpacket nicht. Es lacht hinter ihnen her wie 
hinter jemandem, der lange Haare trägt, wenn die Herde ge- 
rade geschoren herumläuft.
        

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