Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1463769
 
SEHEN 115 
 
wechselt oder zusammengeworfen werden: das Sehen des Laien 
(und wenn er auch Künstler ist) geht aufs Detail, das rein 
künstlerische Sehen aber auf's Ganze, ersteres sieht Einzelheiten, 
die es addieren kann, um dann noch lange nichts Künstlerisches 
gesehen zu haben, letzteres empfängt einen Gesamteindruck, 
ein Bild.]  
Jedes Sehen ist subjektiv, das künstlerische Sehen aber 
 welches Meldung macht von der Art und Stärke der künst- 
lerischen Beanlagung (welche nichts anderes ist, als starke Sub- 
jektivität, Eigentümlichkeit), ist das Subjektivste, was es giebt. 
Ein Künstler sieht nur, was ihm an einem Sichtbaren gefällt, 
was er daran geniesst, liebt. Dadurch charakterisiert er das 
Objekt und sich (seine Auffassung). Wo dieser Prozess vor 
sich geht, darf man von "Kunst" reden. Es kommt darauf an, 
was sich jemand von der Welt als sein Teil aussucht; denn, 
dass er die ganze nicht haben kann, begreift jeder Akademie- 
schüler. Wie weit er nachher I-Ierr seines Genossenen ist, das 
ist die zweite Frage, die über den Wert eines Künstlers gestellt 
werden kann und mit entscheidet. 
Beobachten ist noch keine Kunst; aber eine Anschauung 
haben und sie warm  also nicht auf kaltem Wege  über- 
tragen, da fängt sie an. Nicht dass einer sieht, sondern was 
er sieht, d. h. in wem sich's spiegelt, und was er davon als 
interessierend und wesentlich erkennt, ist das Entscheidende. 
Mein Hausknecht sieht auch. 
(Ein Mensch, der beobachtet, ist darum noch lange kein 
besonderer Mensch. Das ist der Naturzustand. Er ist nur 
kein Krüppel, nicht durch die Schule etc. verdorben. Siehe 
die Kinder. Also das macht den Künstler noch nicht, da 
spricht man noch nicht einmal von Kunst.) 
Es giebt komische Leute, die pochen darauf, dass sie nichts 
lernen wollen, weil sie „ihre Individualität" zu verlieren fürchten. 
Als ob einer von der loskommen könnte! Sie versäumen also 
nur das  gewöhnlich nicht sehr Besondere  zu erziehen. 
Solche komischen Leute erklären dann gewöhnlich, dass 
sie malen, „was sie sehen". Als ob nicht alles darauf ankäme 
wie einer sieht, und was er bei der Seele hat.
        

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