Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1463589
"KEINE NATUR  97 
 
Elends oder dergleichen „für alle" sein. Warum soll er seinen 
Werken nicht „unbegreifliche", „dämonische", ja „grässliche" 
Elemente einfügen, wenn es die Erhöhung der Vorstellung gilt! 
Um die Menschenfeindlichkeit des Hochgebirgs ganz aus- 
zusprechen, warum kein rasender Kentaurenkampf über 
den Wolken des Abhangs, um das Grausenerweckende des 
stürmischen Meeres deutlich zu machen, warum keine See- 
schlange etc.? 
Das alles ist hinzugethan, um zu dienen. Wo es einem 
graust, wollte er Grausen erwecken, so als er die Schrecken 
der „Via Mala" erhöhte, da er nicht mit den gleichen Mitteln 
wie die Natur: Einsame Verlassenheit, Gefahr etc. wirken konnte. 
Und dann sind diese Schreier nach Naturwahrheit noch 
in einem anderen Irrtum befangen, abgesehen von ihrer eigenen 
wahllosen Nüchternheit und Anschauungsblässe: man erzielt 
durchaus nicht den Eindruck der Naturwahrheit, wenn man 
alles malt, was etwa für den spazierengehenden Blick noch zu 
sehen wäre. Das Viele schliesst das Bewusste aus, macht aber 
auch äusserlich das Ganze, gewiss das Grosse tot. Man muss 
die einfachen breiten Mittel sehen, mit denen die Natur wirkt 
und mit ihnen  im Verhältnis seiner übertragenen Sprache 
wieder zu wirken suchen. 
Die ganze Wirklichkeit hat niemand, auch der nicht, der 
sie will. 
Man muss überall opfern in der Kunst, um mit seinen 
andersartigen Mitteln und eigenen Absichten nur halbwegs auf 
die Höhe zu kommen, man muss übertreiben und vernach- 
lässigen. Zwischen Nicht-Können und Vernachlässigen ist ein 
Unterschied, wie er auf diesem ganzen Gebiet nicht grösser zu 
denken ist. Man opfert die Richtigkeit der Proportionen der 
Ausdrucksstärke der Geste, die relative Wahrheit des Tons 
seiner Wirksamkeit, die Zeichnung der sprechenderen schöpfe- 
rischen Farbe etc., in summa den Zufall in der Natur und 
seine Wahrhaftigkeit der Absicht und ihrer Wahrheit. Die 
Kunst erfordert ein ewiges Zugestehen des Wissens an die 
Wirkung. „Man muss der Verständlichkeit zu Liebe manches 
thun", sagt Böcklin. Und gerade dies ununterbrochene Ab- 
wägen derVorteile und das Opfern der geringeren ist ein 
grosser Teil seiner Kunst. Böcklin greift, ähnlich wie zur 
Floerke, Böcklin.  7
        

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