Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1463565
„KEINE NATUR I" 95 
 
Alles, was nach Geschicklichkeit aussieht, macht Böcklin 
nicht mehr, das zieht ab. Er geniesst die Erscheinungswelt, 
aber er seziert sie nicht zu dem Zweck, er will sie lebendig. 
Zudem ist Kunst auch keine Natur, sondern mitgeteilte Vor- 
stellung. 
Man braucht es ja einem Menschen mit Augen nicht zu 
sagen, aber: all das Intimste, was man durch Sehen geniessen 
kann, hat er bis ins kleinste aufs Andächtigste im Freien studiert 
und genossen. „Und dabei wird einem immer noch was dazu 
geschenkt: eine Schlange, ein Eichhörnchen etcß, sagt Böcklin. 
Naturwahrheit haben alle Künstler aller Zeiten angestrebt, 
rufen die modernen Realisten. ja, ich wüsste nicht, was man 
selbstverständlicheres sagen könnte. Alle Kunst basiert auf der 
Anschauung. Fragt sich nur, wer anschaut. Die sichtbare 
Welt spricht zum Menschen, fragt sich nur, wie die Organe 
beschaffen sind, die sie vernehmen sollen. Denn so wenig man 
die Natur eliminieren kann, so wenig kann man das Anschauungs- 
vermögen des Gehirns loswerden, dessen Besonderheit ihr Bild 
reflektiert. (Das Streben nach Naturwahrheit, lehrt die Kunst- 
geschichte, war allen Malern das Höchste etc.  Gut. Sollte 
da nicht wirkliches Leben und ganze Lebensfähigkeit das erst 
sein, was Wahrheit gäbe? Oder sind es wirklich die toten Zu- 
fälligkeiten, mit denen das Leben sich bekleidet, die einzelnen 
Organe, mit denen es funktioniert? Malt man mit der pein- 
liehen Wiedergabe von so und so viel Muskeln Leben? Das 
Leben kann nur der Geist verstehen und festhalten. Nur der 
Künstler.) ß 
Eine direkte Reproduktion giebt es nicht, kann es nicht 
geben. Da liegt der Irrtum derer, welche auf die panorama- 
tische, photographische, impressionistische etc. Naturwahrheit 
schwören. Es giebt, so lange es sich um Kunst handelt, nur 
eine künstlerische Naturwahrheit, die man nicht mit der des 
Anatomen, der das Leben beim Sezieren totschneiden muss, 
oder mit der des Weinreisenden verwechseln sollte. Und das 
nicht abschreibbare Leben, welches man mit der minutiösesten 
Anatomie noch lange nicht zu Wege bringt, gehört ja vielleicht 
auch zur Welt des Sichtbaren.
        

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