Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1463548
„KEINE NATUR  93 
 
eindruck hinterlassen. Aber den bewahrt er in der Seele des 
Poeten bis zum rechten Augenblick. 
Er idealisiert nirgends in dem Sinne, dass er sich über 
die Natur erheben wollte, sie zu verbessern trachte  im 
Gegenteil,  selten wohl sind die „Grenzen der Kunst" so inne- 
gehalten, aber auch mit so raffiniertem Bewusstsein ausgefüllt 
worden, wie von ihm. (Und damit bitte ich um die Erlaubnis 
zu wissen, was ich thue, wenn ich die Klugheit auf den Thron 
hebe. Ich bin gewiss der letzte, welcher den künstlerischen 
Instinkt, dem jene dient und hilft, unterschätzt. Nur nebenbei 
ist es nicht wahr, dass die Kunst im Düstern geboren wird 
und von Bauernjungen oder Salontirolern getrieben werden 
kann. Die eine Hälfte freilich ist Begabung, Individualität, die 
andere, sehr notwendige, Erkenntnis, Abschätzung, Direktion . .  
Er verkehrt mit ihr so intim, dass er sie wohl in manchem 
glücklicheren Moment belauscht hat, als andere, und durch- 
schnittlich wird ihm die Idee zum Pinsel zu greifen erst 
kommen, wenn er den wesentlichen Ausdruck eines Moments 
oder Gegenstandes erkannt zu haben glaubt und genossen hat. 
Diese echte Naturwahrheit hält und belebt auch seine phan- 
tastischsten Sachen. 
Er reinigt die „Natur" (d. h. die zufällige) im Aristoteli- 
schen Sinne, er „legt sie aus" im Sinne Goethes. 
(Es heisst, er verstehe die sichtbare Natur falsch. Man 
versteht die Natur überhaupt nicht. Sie entsteht erst in uns, 
indem wir sie ansehen. Wir malen uns und können uns natür- 
lich das grösste Armutszeugnis von der Welt geben.) 
Alle unsere „Italienkenner" kennen das „Land" durch 
einen Winter in Rom, durch meinetwegen alljähnliche, sechs- 
wöchentliche Rundreisebillets, durch zweckbewusste, auf Archive, 
Galerien oder Gesellschaft abzielende Reisen in die grösseren 
Städte,  aber wer hat jahrelang mit offenen Maleraugen in 
Sonne und Kälte gesessen, Schiffe gechartert und sich vom 
Winde führen lassen, die Natur belauscht, wo sie eigentlich 
ein Recht hatte, vor Fremden sicher zu sein? Wer kennt die 
unwirtlichen Inseln, wenn sie in der schweren Sommermittags- 
hitze, wo selbst der grosse Pan schläft, brennen, oder wenn 
der Sturm sie vor der lebenden Welt verschliesst? 
Keiner von denen, die ihre zu kurzen kritischen Zollstäbe
        

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