Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zehn Jahre mit Böcklin
Person:
Floerke, Gustav
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1461827
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1463448
Modell? 
Vor 
der 
Natur P 
Böcklin malte und zeichnete seiner Zeit auch viel nach 
der Natur. Zuerst in Düsseldorf, dann in Genf. (Auch 
sein Kopieren in Brüssel, Antwerpen und Paris muss in 
Anschlag gebracht werden.) Ebenso, trotz anderweitiger Behaup- 
tung, in den Sabinerbergen (ich selbst habe solche Studien 
gesehen, in denen er mit unsäglicher Liebe und Feinfühligkeit 
der Natur nachging) und in der Campagna. (An der Via 
Flaminia, in Torr'del Quinto liegt noch eine ganze Mappe 
voll. Der junge Künstler stand dort des Regens wegen unter 
und verbarg, um weiter zu gehen seine Mappe in einem halb- 
zerfallenen Gewölbe. Als er sie wieder zu holen kam, war 
das Gewölbe eingestürzt und nichts mehr zu wollen.) 
Jetzt malt er schon lange, lange ohne Modell und Studien, 
weil er den Maler vor der Natur unfrei findet und unfähig 
Nebensächliches, Zufälliges zu unterscheiden und zu vermeiden. 
lhm das nachzumachen möchte ich freilich wenigen raten. 
Er arbeitet nicht vor der Natur. Das setzt sein eminentes, 
stets zur Verfügung stehendes Gedächtnis für die Erscheinung, 
seine stets lebendige malerische Anschauung voraus. Wenn 
Phantasie nichts anderes ist, als Beweglichkeit des Gedächt- 
nisses, Zurhandsein alles auf irgend einem Wege Aufgenommenen, 
so ist die seinige eine der reichsten und zugleich positivsten. 
Aber auch in der Neugestaltung seiner Empfindung, in 
der Umwandlung derselben  die doch am Ende auch mit zur 
Phantasie gehört  steht dieser Sommernachtstraum- und 
Wintermärchenerzähler als einziges Sonntagskind da. Vor ihm 
öffnet das Meer, das er so oft befuhr, seine Buchten in Augen- 
blicken, wo gewöhnliche Sterbliche vor Grauen sterben. Er 
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