Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Wandlungen im Kunstleben Japans
Person:
Fischer, Adolf Wada, Eisaku
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1434966
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1435351
Gnade vor seinen Augen finden. Denn gelegentlich eines Besuches 
zeigte er mir einmal ein Album mit vortrefflichen Reproduktionen 
nach hervorragenden Werken amerikanischer Künstler, die ihm ein 
befreundeter Amerikaner verehrt hatte.   
Auf ein ausgezeichnetes Bild weisend, das zwei zerlumpte, 
hungernde und frierende Bettelkinder darstellte, äusserte er: ,_.Sehen 
Sie doch, wie unschön die Linien der Gewänder sind; mir kann 
das Bild absolut nicht gefallen; das Kleid konnte doch der Maler 
leicht in schönere Falten legen!" 
Dass der Künstler nur den seelischen Zustand, all das Elend, den 
Hunger, die Not und das Verlassensein, in den Zügen dieser unglück- 
lichen Geschöpfe zum Ausdruck bringen wollte und die schöne 
Linie als etwas Unwahres vermeiden musste, darein konnte Takanziree 
sich beim besten Willen anicht finden; er kam immer wieder auf 
die mangelnde schöne Linie des Faltenwurfes zu sprechen. 
In dieser Stunde wurde mir klar, welch eine unendliche Kluft 
zwischen den Anschauungen und Anforderungen besteht, die wir 
modernen Europäer an ein Kunstwerk stellen, und die andererseits 
ein in seiner Sphäre hochgebildeter, fein emptindender Japaner erhebt. 
Bei letzterem existiert nur ein formales Bedürfnis, nur das 
Auge spricht und nicht die Seele; er richtet sein ganzes Augenmerk 
nur auf äusserliciäie dekorative NVirkung; er verlangt schön lahngenßlö, 
zierliche Versleini-rdazihm die Organe für grosse KunSt 11'1 unseren-l 
Sinne fehlen.  
Takamine zeigtäifsich denn auch keineswegs den an der Kunst- 
schule in Tokyo herrschenden, sich feindlich; gegenüberstehenden 
Richtungen gewachsen. Müde der lntriguen, der ewigen Kämpfe 
zog er sich nach Iahresfrist zurück, ßurn nun wieder seine ganze 
._Kraft seiner geliebten Schule, der sittlichen  geistigen Entwicklung 
der weiblichen Iugend seines Vaterlandes zirrwfüinen. 
Als stellvertretenär Direktor kanrhierauf K. Kubota, der aber 
nur als ein vorübergehender Mann betrachtet wurde. 
Da nun die Maler in Tokyo keineswegs friedlich wie Kohl- 
köpfe auf dem Felde neben einander leben können, die Interessen 
der Verschiedenen Strörnungefngnicht unter einen Hut zu bringen 
sind; so Wäre es wohl das beste, wenn man die Verwaltung der 
{Kunstschule in zwei Abteilimgen sonderte, und zwar in die alt- 
japanisehe und in die der inodeQn-europäisclien. 
Spaltungen dieser Art Haben bisher nur in Tokyo Platz 
gegriffen, nicht aber an unstschule in Kyoto, der zweitgrössten, 
die von der Stadt Kyot" bventioniert wird. Auch in Kanazawa
        

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