Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425540
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Die Menschen des Michelangelo 
erhalten, müssen wir uns die schlaffen Muskeln wieder belebt, mit 
der Fähigkeit, sich in sich zusammenzuziehen und dabei anzuschwellen 
begabt denken, und mit diesem Denken thut man dann leicht des 
Guten etwas zu viel. 
Es kann nicht anders sein: eine solche Art, den Körper darzu- 
stellen, welche mit den Kleidern auch die Haut als eine zweite, kaum 
mehr nothwvendig dazu gehörige Hülle fast auch wie weggenommen, 
oder doch wie durchsichtig gemacht scheinen lasst, muss einen ganz 
anderen Eindruck auf den Beschauer machen als die bis in die 
feinsten Nüancen der Hautoberfläche naturtreue Nachahmung des 
Lebens bei den Griechen. In ihren Gestalten bewundern wir mit 
reiner Freude die Schönheit des menschlichen Leibes in der zarten 
Blüthe der schönsten Jahre, wo noch nicht durch das Anarbeiten der 
unterliegenden Theile die Weiche Decke wie abgetragen, sondern selbst 
noch wie von einem Hauch organischer, beseelter Form durchdrungen 
ist, den wir zwar nicht Weiter verstehen und deuten können, aber 
ahnungsvoll anstaunen, wie eine frische Blume. An Michelangelos 
Gestalten hat die Arbeit des Lebens diese zarte Aeusserung der Be- 
seelung schon von der Oberfläche zurückgedrängt. Ein Bild der ge- 
alterten Menschheit, die sich nicht mehr in naivem Behagen ihres 
Lebens im Leibe freut, sondern ihn nur als Werkzeug des Geistes 
gebraucht, bieten sie uns dar. Sie stellen uns nicht den täuschend 
natürlichen und jugendlich blühenden Glanz der Erscheinung gesunder 
frischer Leiber vor Augen, um uns wie in einem idyllischen Stande 
der Unschuld daran zu ergötzen; noch weniger machen sie gar, wie 
die Nuditaten moderner Maler einen üppig reizenden Eindruck, eher 
den einer traurigen Blösse. Aber sie lassen um so viel mehr die 
wirklich verständliche Beseelung des Körpers, das Spiel seiner Muskeln, 
die Stellung der Knochen mit gesteigerter Deutlichkeit, als wenn wir 
es im eigenen Körper nachfühlen, erkennen. 
Aehnlich giebt Burckhardt in seinem Cicerone den Eindruck der 
Art, wie Michelangelo die Gestalt des Menschen behandelt, wieder. 
"Seine Darstellungsmittel", sagt er, "gehören alle dem höchsten 
Gebiete der Kunst an; da sucht man vergebens nach einzelnem 
Sinnlichen und Lieblichen, nach seelenruhiger Eleganz und buhle- 
rischein Reiz; er giebt eine grandiöse Flächenbehandlung im
        

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