Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425535
mit der Antike. 
Vergleich 
füllend verdecken. Wir decken uns sogleich die charakteristischen 
Gestalten selbst auf, von denen wir am lebenden Körper nur die ab- 
geschwachte Spur durchschimmern sehen. Und eben deshalb hat Wohl 
auch Michelangelo gern an der Leiche studirt, weil er es verzog, 
statt jene abgeschwächte Spur der von Haut überzogenen Gestalten 
zu errathen, lieber gleich ihre volle unvermittelte Anschauung zu ge- 
winnen. Er prägte sie sich so in ihrer deutlichen Sonderung, ihrer 
seharfgezeichneten Abgrenzung ein, und wenn er sie dann doch wieder 
wie von Haut bekleidet darstellte, hatte er diese gleichsam nur wie 
einen ledernen Handschuh ohne alle Fütterung in Gedanken wieder 
darüber gezogen; oder wenn er dann auch hinterher wieder nach 
dem Leben gearbeitet hat, wird er doch unwillkürlich, was er un- 
verhüllt kennen gelernt hatte, mehr auch durch die Haut durchzu- 
sehen gemeint und also sichtbar dargestellt haben, als ein unbefangener 
Beobachter der unversehrtem Oberiiäche ohne dies sehen und dar- 
stellen 
Würde. 
Dazu kommt noch ein anderer Umstand, welcher ebenfalls leicht 
zu einer etwas übertriebenen Ansicht und Darstellung der Vorsprünge 
an der Oberfläche des Körpers führen kann, wenn ihre Gestalt aus 
der Leiche heraus studirt ist. Der grösste Theil dessen, was diesen 
Hervorwölbungen zu Grunde liegt, sind die Muskeln, die aus Fleisch 
gebildeten Organe der Bewegung. Sie sind im Leben immer straff, 
oder Wenigstens gerade zwischen festen Punkten der Knochen, wo 
ihre Enden angewachsen sind, ausgespannt. Werden diese Endpunkte 
von einander entfernt, so werden dadurch die Muskeln in die Länge 
gezogen; kommen sich die Endpunkte naher, so ziehen sich die 
Muskeln in sich zusammen. Im ersten Falle werden sie glatter und 
dünner, im letzteren schwellen sie auf; in beiden aber bleiben sie doch 
angespannt. Im Tode hört dies auf; sie werden schlaff. Nur bei 
vollkommener Ausspannung in die Länge durch Entfernung ihrer 
Endpunkte macht dies keinen Wesentlichen Unterschied; bei Nachlass 
derselben ziehen sich die Muskeln nicht wieder in sich zusammen, 
sondern fallen wie welk zwischen ihren Endpunkten in Falten von den 
Knochen ab und zwar dies erst recht, wenn die Haut abgezogen ist 
und sie nun auch nicht mehr zusammengepackt hält. Um nun aus 
dieser erschlaiiten Form, wie sie das todte Muskelpräparat zeigt, doch 
ein Bild ihrer natürlichen Gestalt, wie sie im Leben gewesen ist, zu 
Henke, Vorträge. 6
        

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