Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425520
80 
Michelangelo 
Die Menschen des 
cität oder Biegsamkeit und verdeckt so den einen unterliegen- 
den Theil mehr, den andern weniger. Daher die gemilderte 
Form, in welcher die starken Vorsprünge der Knochen und Muskeln 
sich durch die äussere Oberfläche hindurch nur offenbaren, die zarten 
Wölbungen der letzteren. Durch ihren Anblick erklärt es sich, wie 
Hogarth zu der Theorie gekommen ist, die Schönheit der Gestalt des 
menschlichen Körpers und seiner antiken Nachbildungen beruhe 
darauf, dass sie von Wellenlinien umschrieben sei, d. h. von Linien, 
die in ununterbrochenem Zusammenhange, ohne Ecken zu bilden, 
sich bald heraus- bald hineinbiegen. Dies ist nun freilich, wenn wir 
genau zusehen, gar nicht der Fall. Wenn wir den Umriss eines 
schönen nackten Körpers, oder einer vollkommenen antiken Statue 
recht genau mit dem Auge verfolgen oder nachzeichnen, so finden 
wir, dass es gar keine eingebogenen Theile an demselben giebt, son- 
dern nur herausgewölbte, die nur da, wo mehrere aneinander grenzen, 
hineingeknickte Ecken bilden können; aber diese Ecken sind oft so 
sanft, dass man sie leicht für eine fortlaufende Einbiegung zwischen 
den Hervorwölbungen ansehen kann, und dass es also selbst einem 
Zeichner wie Hogarth durch etwas leichtes Darüber-hingehen möglich 
war, seine Theorie durch scheinbar richtige Zeichnungen mit Bei- 
spielen zu belegen. 
Diese Täuschung wird bei einem Werke von Michelangelo nicht 
vorkommen können. Denn da treten die Vorsprünge der Knochen 
und Muskeln unverkennbar scharf abgegrenzt hart aneinander, als 
wenn die Haut nur eben wie eine Tapete oder ein Tricot von überall 
gleicher Dicke darüber hingezogen wäre. Dies ist nun ganz begreif- 
lich aus der Art, wie der Künstler die Gestalt der Theile des Körpers 
aus dem Studium der Leiche kennen gelernt hat. Denn er wird es 
dabei nicht anders gemacht haben, wie wir es thun. Die Haut be- 
steht aus Leder und zwar in einem Stücke über den ganzen Körper 
hin; ohne die festere Unterlage wäre sie nur ein schlaffes Fell. Für 
uns, die wir nach geformten Theilen suchen, ist sie nur im Wege. 
Wir ziehen sie, wenn wir die Leiche untersuchen, gleich herunter; 
wir nehmen uns kaum Zeit, erst den todten Körper noch einmal im 
unversehrtem Zustande zu betrachten. Und mit der Haut entfernen 
wir zugleich die ihr zunächst anhängenden Fettlagen, welche uns die 
eckigen scharfen Grenzen zwischen den Knochen und Muskeln aus-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.