Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425504
Menschen des Nüchelangelo 
Die 
Hauptzug der Grösse Michelangelos gesehen worden. Freilich wäre 
dies  an sich nur eine technische Aeusserlichkeit, da dergleichen in 
der höheren Kunst doch nur Mittel zum Zwecke ist. Unsere modernen 
Kunstkritiker lieben es deshalb, dergleichen fast zu ignoriren und sich 
mehr nur mit den hohen Ideen zu beschäftigen, welche aus den 
Kunstwerken hervorleuchten, zu untersuchen, woher die Künstler sie 
gehabt, wie sie in ihrer Zeit gelegen haben u. s. w., statt bei solchen 
Aeusserlichkeiten, wie für einen" Bildhauer die Kenntniss und "Dar- 
stellung der anatomischen Formen ist, zu verweilen. So hat denn 
Hermann Grimm in seinem grossen vielgerühmten Werke über Michel- 
angelo dieser Seite in seiner Entwickelung und Kunst kaum zu ge- 
denken für nöthig gehalten. Wenn aber das Wesen der Kunst darin 
besteht, dass sie innerliche Stimmungen und Gedanken mit äusser- 
lichen Formen und" Bildern zu lebendiger Anschauung bringt, so sind 
freilich jene das letzte Ziel, diese aber das nothwendige Mittel dazu, 
und um, wie es gelungen sei, zu beurtheilen, sollte man denken, Ware 
es ebenso nothwendig, die Gestalten, mit deren Dahinstellung der 
Künstler durch unser Auge auf unsere Phantasie einwirkt, als solche, 
wie er sie behandelt hat, zu verstehen, als sich der letzten "Wirkung, 
die er damit hervorgebracht hat, bewusst zu sein. Und wenn die 
Aesthetiker es lieben, mit der Abschilderung dieser letzten Wirkung 
des richtig lierausgefühlten Eindruckes der Kunstwerke ihre Betrach- 
tung zu beginnen, und dann nicht immer und nur 1nit Mühe zueiner 
Würdigung der äusseren Mittel sich herablassen, mit denen dieselbe 
erreicht ist, so ist es wohl nicht unerlaubt, iwenn Ünsereiner einmal 
hiervon gerade ausgeht und versucht, ob er nicht so auch etwas zur 
Ergänzung des Verständnisses jener, am Ende freilich rein idealen 
Wirkung beitragen kann, immer auf die Gefahr, zu sehr am Aeusser- 
lichen kleben zu bleiben.  
Auf die nicht nur aus unmittelbarer Anschauung im Leben, son- 
dern mit Hülfe von Studien an der Leiche gewonnene Bekanntschaft 
mit dem Gefüge des menschlichen Körpers lässt sich nun zunächst, 
um mit dein Aeusserlichsten zu beginnen, schon die Art, wie Michel- 
angelo die Gestalt der Oberfläche desselben im Gegensatze zu den Griechen 
behandelt, zurückführen; und zwar sind ihm diese deswegen, was 
Naturwahrheit in der feinen Modellirung'der Oberfläche betriffgübgy- 
legen. Sie hielten Sich nicht nur, wie es  der moderne Künstler
        

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