Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425465
Gesichtes, 
Der Ausdruck des 
verschiedenen Arten des Gesichtsausdruckes scheint die grössere oder 
geringere Leichtigkeit parallel zu gehen, mit welcher es im Laufe der 
Zeit der Kunst gelungen ist, denselben aufzufassen und darzustellen, 
indem ihr dies mit den verständlicheren Bewegungen, die einen Zweck 
haben, verfolgen und erreichen, schneller, mit den zweck- und erfolg- 
losen oder rein mimischen langsamer gelungen ist und gelingt. Die 
antike Kunst (ich muss mir einmal erlauben, diese Ketzerei hier aus- 
zusprechen) hat überhaupt noch nicht viel Gesichtsausdruck; die der 
Renaissance hat "den der zweckmässigen Bewegungen, also vor allen 
den des Blickes (ebenso wie den der Handbewegungen, Giotto) gefunden 
und reichlich verwerthet; die naturgetreue Abbildung der reinen 
Mimik, wie Lachen und Weinen, scheint vorzugsweise erst dem 
modernen Realismus vorbehalten zu sein. 
Denken 
wir 
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schliesslich 
auch 
noch einmal an die von Schiller 
schon skizzirte, von Piderit so gründlich durchgeführte Anwendung 
der Mimik, wie letzterer es nennt, auf die Begründung auch der Physio- 
gnomik, d. h. an den Gedanken, dass Züge des Ausdrucks augen- 
blicklicher Stimmung oder überhaupt geistiger Erregung durch hauiige 
Übung und Angewöhnung zu bleibenden Zügen des Ausdrucks vom 
Charakter des Menschen werden können, so lässt sich dies im All- 
gemeinen ebenso gut auf die so wenig motivirten rein mimischen, als 
auf die in mehr verständlicher Weise vom Willen und anderer geistiger 
Einwirkung bedingten Ausdrucksformen anwenden; aber factisch werden 
erstere, also z. B. häufiges Lachen oder Weinen, dauernder durch 
Gewohnheit ihre Spur im Gesicht zurücklassen, als letztere wie die 
Art des Blickes, den man irgendwohin, z. B. auf einen mit Hass oder 
Liebe betrachteten Menschen richtet, weil letztere mit ihrem so be- 
stimmten augenblicklichen Anlass und Grund auch vollständiger jeden 
Augenblick wieder verschwinden und sich unter anderen Anlässen 
anders von Neuem einstellen als erstere. Also wird die Erklärung der 
Erscheinung des Eindruckes, den das Gesicht eines Menschen bleibend 
auf uns macht, durch die Einsicht, die wir in verständlichen Gründen des 
augenblicklichen Ausdruckes haben, oder mit einem Worte wieder die 
Physiognomik durch die Mimik doch nicht viel gefördert, weil der 
bleibende Ausdruck eben mehr auf den Zügen beruht, die wir 
auch in ihrem augenblicklichen Auftreten und Wechsel am wenigsten 
verstehen und erklären können. Oder, wenn wir den Erklärungs-
        

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