Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425020
Der Ausdruck des 
Gesichtes, 
offenbar die Künstler, denen es gelingt, einen Eindruck aus dem Leben 
im festen Bilde, in Farbe oder Stein so festzuhalten, dass er noch seine 
Wirkung macht. In ihren Werken werden wir die wirksamsten Ein- 
drücke iixirt und in ihnen am leichtesten die Gelegenheit finden, das- 
jenige zu zergliedern, worin der Grund der Eindrücke liegt. 
Wenn wir nun versuchen wollen, durch Analyse von einigen 
solchen Beispielen dem Eindrücke, den besonders der Ausdruck des 
Gesichtes hervorbringt, auf den Grund zu gehen, dürfen wir es uns 
wohl schenken, zuvor, wie dies bei solchen Versuchen sonst üblich 
ist, auf die Geschichte der schwachen Anläufe zurückzugreifen, welche 
die alte sog. Physiognomik genommen hat, um eine Uebereinstimmung 
innerer Eigenschaften des Menschen mit Zügen der ausseren Gestalt, 
besonders seines Hirnschädels nachzuweisen, oder auf die mehr oder 
weniger sinnreichen Spiele der Phantasie, deren Anfänge auf keinen 
Geringeren als Aristoteles f) zurückgehen, und den eigenthümlichen Ein- 
druck mancher Menschengesichter aus ihrer Aehnlichkeit mit gewissen 
Thieren herleiten wollten. 
Ich brauche auch kaum noch auszuführen und zu begründen, 
dass es sich überhaupt nicht um die Eigenschaften der festen Form 
des Gesichtes oder des ganzen Körpers handeln kann, wenn wir nach 
dem Grunde von Eindrücken suchen, durch welche sich geistige Gaben 
des Menschen ausserlich kund geben._ Die reine Form des Gesichtes, 
die Schönheit oder Hässlichkeit desselben, ebenso wie die Familien- 
oder Volkstypen derselben lassen sich als solche sehr wohl zer- 
gliedern und nach ihren Proportionen oder der Gestalt ihrer Theile 
im Einzelnen feststellen; aber sie sind es nicht, in denen wir 
Charakter oder Stimmung des Menschen wie im Bilde erblicken und 
erkennen. Schönheit oder Hässlichkeit erregen ein rein sinnliches 
Wohlgefallen oder Missfallen und wirken dadurch auch dazu mit, uns 
anzuziehen oder abzustossen; aber dabei ist kein richtiges oder falsches 
Gefühl oder Urtheil darüber, welche geistige Gaben wir einem 
Menschen zutrauen, im Spiele. Es unterliegt keinem Zweifel, dass 
sich hinter einem schönen Gesichte ebenso gut ein edler wie'ein schlechter 
Charakter verbergen kann. 
i) Die grössten Männer scheinen auf diesem Gebiete kein Glück zu haben. 
Auch die grossen Physiologen Charles Bell und Johannes Müller haben sehr 
schwache Beiträge zur Bearbeitung desselben geliefert.
        

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