Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1425011
Gesichtes. 
Der Ausdruck 
ziehen und uns durch die Folgen selten enttäuscht finden. Man darf 
das freilich vor verständigen Leuten nicht offen aussprechen. Wer 
einem „auf sein ehrliches Gesicht" Geld leiht, gilt als ein schlechter 
Haushalter, und wer sich vollends in ein liebliches Gesicht verliebt 
und daraufhin das Glück seines Lebens auf Den- oder Diejenige setzt, 
die dasselbe als Aushängeschild ihres inneren Menschen vor sich her- 
tragen, ist in den Augen der guten Gesellschaft sehr ungebildet oder 
verrückt. Und doch geht es im Grunde im Leben sehr oft so zu und 
ist auch ganz recht und fällt auch gut aus. Aeussere Eindrücke sind 
es doch, Welche zuerst Neigung oder auch Abneigung unter den 
Menschen herbeiführen und dann schon nicht leicht durch entgegen- 
stehende Wahrnehmungen oder Erwägungen entkräftet werden. Man 
sucht sich freilich in den so entstandenen Empfindungen bei der Liebe 
durch einige gebildete Gespräche in Thee- und Tanzgesellschaft, beim 
Hass durch Ermittelung von übeln Nachrichten über den, den man 
nicht leiden kann, zu bestärken; aber die Wahre Bestätigung bringt 
oft lange nachher das Glück oder der Kampf des Lebens. 
Wenn dem aber so ist, dann crgiebt sich für unser Streben nach 
Erkenntniss die Frage, ob sich die Richtigkeit des Glaubens an die 
Eindrücke, die wir von anderen Menschen mit unsern Augen in uns 
aufnehmen, nicht beweisen, oder wenigstens begreiflich machen lässt. 
Nicht als ob ihre Zuverlässigkeit dadurch für den Gebrauch sehr er- 
höht, oder durch richtige Begründung im Gebrauch berichtigt werden 
würde; auch nicht einmal mit dem Nutzen, den etwa die Kunst des 
Malers oder des Schauspielers daraus ziehen könnte, um die gewinnenden 
oder abstossenden Eindrücke, die im Leben die Menschen aufeinander 
machen, in der nachahmenden Darstellung richtig wiederzugeben; 
sondern nur einfach zur Befriedigung des Bedürfnisses, das wir haben, 
uns von Wirkungen, die wir unwillkürlich empfinden, auch Rechen- 
schaft zu geben. Aber das Leben und die Kunst, der es gelingt, ahn- 
liche Eindrücke wie im Leben hervorzubringen, müssen das Material 
und die Beispiele liefern, deren bereits vorliegende Wirkung wir uns 
versuchen, in ihrem Grunde klar zu machen. Nur wird natürlich 
nicht gerade der am meisten hierzu berufen sein, der im Leben selbst 
eben stark ergriffen und betheiligt ist; sondern vielmehr kann dies 
nur der aufmerksame, unbetheiligte, aber doch Theil nehmende Zu- 
schauer, und die bewährtesten Beobachter in dieser Richtung sind
        

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