Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426936
Wallenstein. 
Anwendung auf Schillers 
mit 
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Wenn eine solche Einsicht in die Verfehltheit eines Strebens, in 
dem ein unglücklicher Held zu Grunde geht, sich mit der innigen 
Theilnahme an der Wirkung derselben auf die Zerstörung seiner ganzen 
Lebenshoifnung verbindet, und Eines das Andere nicht im Geringsten 
ausschliesst, gestaltet sich die Reinigung des Mitleids in den historisch,- 
politischen Tragödien zu der Ausschliessung jener verkehrten An- 
wendung persönlicher Sympathien auf die Beurtheilung historischer 
Nothwendigkeiten, die als (iefühlspolitik bezeichnet wird. Das Mitleid 
müsste in Entsetzen übergehen, wenn es uns zu dem Wunsche fort- 
risse, um des Helden willen die historische Gerechtigkeit im Grossen 
auf den Kopf gestellt zu sehen. Es besteht dagegen in voller Rein- 
heit neben der Einsicht, dass er und seine Sache fallen muss. 
Schiller's Wallenstein wird häufig als ein grosses Vorbild der 
Behandlung historisch-politischer Stoffe in Tragödien angesehen. Er 
gehört aber dazu nur in sehr äusserlichem Sinne. Unser Interesse 
für ihn wird allerdings von vornherein in lebendigere Erregung ge- 
setzt durch den historisch bekannten, nationalen Boden, aus dem seine 
wunderbare Gestalt sich hervorhebt. lm Grunde aber ist es doch 
nur das Spiel eines heroischen Selbstgefühls im Allgemeinen gegen- 
über einer Welt von kleinen Menschen, was uns in Erregung setzt. 
Die historisch-politischen Bestrebungen, die dabei mit zur Sprache 
kommen, spielen keine hervorragende Rolle bei der Erregung, in die 
wir mit- ihm versetzt werden. Sie gehören doch mehr nur zum 
Kostüm, das zur deutlicheren Versinnlichung des Spiels dient. Denn 
natürlich wird der Held, der in der politischen Geschichte eine Rolle 
spielt, und dem es nicht an allem Verstande gebricht, auch seine 
Handlungen, so persönlich die Motive derselben im Grunde sein 
mögen, doch mit grösseren Zwecken und Absichten für das Wohl 
und Wehe seiner Zeit und seinerNation in Verbindung zu setzen suchen. 
Wallenstein ist es auch in diesem Falle und versucht es auch, aber in 
so ungeschickter Weise, dass es dies gewiss nicht ist, was uns für 
ihn interessirt, weil es seinen Untergang weder ausserlich bedingt, 
noch innerlich empfindlich für ihn werden lässt. Was er auf dem 
Wege der Verständigung mit dem Feinde zu erreichen hofft, ist eine 
selbständige böhmische Krone; dann redet er wieder von reichsfürst- 
licher Schirmung Deutschlands Schweden gegenüber. Es wurde zu 
Schillers Zeit weder an böhmische Nationalität, noch an deutsche
        

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