Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426912
mit Anwendung auf Schillers Wallenstein. 
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seines inneren Gesetzes mit den ewigen allgemeinen. Hat er diese 
verloren, so hat er nicht mehr den unerschütterlichen Halt in sich, 
der jedem streite mit der Welt gewachsen ist. Seine Ganzheit des 
Willens und Phnpiindens ist nur noch eine Täuschung und muss sich 
als solche im Conüicte mit den ewigen Gesetzen, von denen sie sich 
abgelöst hat, herausstellen. Je mehr Wir uns in die Idee der Freiheit 
des Individuums von jeder Schranke mit dem Helden verstürzt 
hatten, um so ferner ist uns der Gedanke des absoluten Rechts ge- 
rückt. Neu und überwältigend tritt er uns in dem Verhängniss ent- 
gegen, und zu der Theilnahme an den Folgen, die es für den Helden 
hat, gesellt sich die Furcht vor einem gleichen Streit unseres Willens 
mit einem höheren, da wir uns ihm im Geiste mit entgegen gesetzt ge- 
fühlt hatten. Der Held selbst erkennt und wir mit ihm, dass er sein 
Alles an die Unfehlbarkeit seiner 
und nun, da sie doch fehlgeleitet 
individuellen Eingebung gesetzt 
hat, sein Alles verlieren muss. 
hat, 
"Ich erkenn euch, ernste Mächte! 
"Strenge treibt ihr eure Rechte, 
"Furchtbar unerbittlich ein." 
Wenn dieser Gegensatz des eigenen unbändigen Willens und des 
ewig Rechten in den Verhältnissen des persönlichen Lebens, in Liebe 
und Hass, in Treue und Verrath, unter Gatten und Brüdern, mit 
Heirath und Todtschlag durchgeführt wird, sind es im Einzelnen nur 
die mehr oder minder verwickelten, aber im Grunde stets unzwei- 
deutigen Gesetze der allgemeinen Moral, die ihn entscheiden. Bei 
grossen historischen Stoffen aber kommen religiöse oder politische 
Motive und Ideen ins Spiel, deren Geltendmachung an sich Weder 
Recht noch Unrecht ist und doch zu den grössten tragischen Ver- 
hängnissen führt. Die Entscheidung liegt dann in der grösseren oder 
geringeren inneren Kraft und Berechtigung des nationalen oder Partei- 
interesses, für und gegen welches der Held im Streite begriffen ist. 
Seine Schuld ist dann noch menschlich begreiflicher, weil sie nicht 
auf bewusster Empörung gegen das höhere Gesetz der historischen 
Nemesis, sondern auf einem Missverstehen derselben beruhen kann. 
Ganz ausschliesslich wird dies zwar nie in Tragödien durchgeführt; 
denn immer würde das Fehlen jeder wahren Schuld das Schicksal 
moralisch unerträglich machen. Immer kommen im Laufe der Ver- 
wickelung rein moralische Conflikte hinzu, so dass der einzelne Mensch,
        

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