Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426785
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Tragödie 
der 
Anatomie 
gehenden und nachfolgenden Hälften des ganzen Stücks. Bleiben wir 
vorerst bei dem nächsten stehen, was diesem Mittelpunkt im dritten 
Akte selbst beigeordnet ist, so sind es hauptsächlich theils kleinere 
ähnliche, auch schon kritisch einsetzende Eindrücke, theils solche, die 
ihnen als Einleitung und Abschluss zur Seite stehen. Mehrere Ein- 
drücke können den Helden treffen, die seine Hoffnung erschütternd 
zum Stillstand bringen; aber einer ist dann doch immer der end- 
gültig entscheidende, der seinen Widerstand vollkommen lähmt. Es 
kann auch dasselbe entscheidende Ereigniss, das die vernichtende 
Wendung seines Glückes herbeiführt, zweimal vorgestellt sein, erstens, 
indem es geschieht, zweitens, indem es ihm bekannt wird und also 
erst zur Wirkung auf sein Gefühl kommt. Letzteres ist dann der 
Hauptmoment; die furchtbare Wirkung desselben auf den Helden 
wird aber vom Zuschauer schon vorher empfunden, oder zugleich auch 
von einer dem Helden sehr nahe stehenden Nebenperson. 
In Romeo und Julia ist die entscheidende Begebenheit, welche 
die Glücklichen für immer trennen muss, die Ermordung Tybalfs, 
des Vetters der jungen Frau, durch ihren Gatten. Romeo empfindet 
dies gleich nach der That kurz, aber bestimmt, und ruft aus: "ich 
Narr des Glücks!" Dann stürzt er weg, und ausführlicher wird uns 
erst die ganze Grösse des von nun an besiegelten Unglücks der 
Liebenden klar vor Augen gestellt, als Julia den Mord und zugleich die 
für sie noch schrecklichere Folge desselben, R0meo's Verbannung, er- 
fährt. Nachträglich wird uns dann auch dieser noch in seinem Vollen, 
aber schon etwas austobenden Schmerz gezeigt. Er wird dadurch 
mehr Nebenperson; denn die ganze Klarheit des grössten Schmerzes 
im ersten Einsetzen theilen wir nur mit Julie. Das doppelte Auf- 
treten dessen, der ihr in diesem furchtbaren Momente fern ist, ver- 
hält sich dazu wie Vor- und Nachspiel. Ausserdem gruppiren sich 
aber im dritten Akte um die Krisis noch zwei Nebeneindrücke, als 
Einleitung ein letztes Auflodern freudig hoffnungsvoller Stimmung, als 
Nachspiel tumultuarischere Schrecken. S0 geht in Maria Stuart der 
entscheidenden Scene, in der der Streit der Königinnen unlöslich 
wird, im Monolog der Maria der rührende Ausdruck des Gefühls der 
neuen Freiheit im Garten voraus, und es folgen die wilden Aus- 
brüche der Leidenschaft des "tollen Mortimer nach dem Mordversuch 
auf Elisabeth.
        

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