Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426770
auf Schillers Wallenstein. 
Anwendung 
mit 
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machender. In der starren Anhaltung des Atheins, in der er auf der 
Höhe eines Seufzers ganz stillsteht und kein Zeichen fortgehender 
Erregung mehr und noch keins von Herabsinken giebt, fühlen wir 
mit ihm die unentfliehbare Nähe des Schicksals, das ihn ereilt hat. 
Der Pulsschlag seines Lebens setzt aus, aber die Kraft, die in ihm 
gearbeitet hat und noch nicht abgespannt ist, halt seine Seele noch 
unbeweglich aufrecht, wie Niobe zu Marmor wird, als sie ihre Kinder 
von den Pfeilen des rächenden Gottes fallen sieht, den stieren Blick 
Z lUIl 
unerbittlichen 
Himmel 
erhoben. 
Der 
entscheidende 
Moment 
wird 
deshalb 
auch 
nicht 
durch 
sonders bedeutende Worte der dramatischen Dichtung, sondern viel- 
mehr durch eine tiefe Pause bezeichnet. Hebbel hat in einer weniger 
bekannten Tragödie, in der Maria Magdalena versucht, bezeichnende 
Worte an die Stelle zu setzen. Ob sie im Spiel die starre Pause er- 
setzen können, ist fraglich; aber sie drücken die Stimmung richtig 
aus. Die Ünglückliche, der plötzlich klar wird, wie glücklich sie 
hätte sein können, und wie sie es selbst durch einen grossen Fehl- 
tritt auf immer sich abgeschnitten hat, sagt: „mir ist, als wai" ich auf 
einmal tausend Jahr alt geworden, und nun stünde die Zeit über mir 
still. Ich kolnnf nicht zurück und auch nicht vorwärts." Wird es 
uns nun in einem solchen erhabenen Ruhepunkte der Handlung voll- 
kommen gegenwärtig, wie in ihm die ganze Wucht des unend- 
lichen Schmerzes auf der Seele des Leidenden ruht, so dass sie sich 
nicht mehr dagegen aufrichten kann, aber auch noch nicht unter ihr 
niedersinkt, so erscheint uns die menschliche Natur im Helden und 
in uns selbst mit ihm in ihrer vollen Grösse, Weil sie trägt, was ihr 
ganzes Dasein vernichten zu müssen scheint. Dies ist der Kern der 
Wirkung jeder grossen Tragödie im engeren Sinne. Er tritt in der 
Mitte des ganzen Stückes ein, also bei der gewöhnlichen Eintheilung 
des ganzen Verlaufes in fünf Akten im dritten. Ist kein solcher 
Mittelpunkt der ganzen Entladung des Schicksals deutlich gegeben, 
so hat die ganze Composition keine Einheit. Ist er aber deutlich 
hervorgehoben, so fasst sich hier der Eindruck des Schicksals zu- 
sammen, wie Schiller sagt: 
"Welches den Menschen erhebt, Wenn es den Menschen zermalmt." 
Zu diesem Mittelpunkt beziehen sich als Vorbereitung und Auf- 
lösung der kritischen Spannung des Gefühls in ihm die beiden vorher-
        

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