Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426753
auf Schillers Wallenstein. 
mit Anwendung 
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Uebergang zwischen zwei entgegengesetzten Stimmungen gezwungen 
ist, einen Augenblick anzuhalten und sein ganzes Schicksal plötzlich 
auf sich zu nehmen. 
Wir wissen, wenn dieser Moment eintritt, dass die Zustände, 
zwischen denen ein Uebergang stattfindet, nicht nur vorübergehend 
einmal wechseln, sondern der eine zuvor das ganze geistige Leben 
des Helden beherrscht hat, der andere ihn nachher für unabsehbare 
Zeit beherrschen wird, und dass also eine nicht wieder rückgängig zu 
machende Veränderung mit ihm vorgeht, die uns mit ihm tief er- 
schüttert. Die entgegengesetztesten Stimmungen des ganzen inneren 
Lebens sind ein freudig gehobenes Streben und ein schmerzlich nieder- 
drüekendes Leiden. Beide sind im gewöhnlichen Leben beständig 
abwechselnd im Menschen lebendig, und wenn sie sich nicht klar von 
einander abheben, ermüdet sich in ihm die Fähigkeit zu beiden und 
weicht einer allgemeinen Abspannung. Wenn dagegen das Eine das 
Andere deutlich ausschliesst, ist der innere Zustand ein in sich klar 
und rein ausgesprochener. Der plötzliche Üebergang zwischen beiden 
bringt aber einen innern Umschlag der ganzen geistigen Thatigkeit 
hervor, indem sich ihre ganze Kraft mit Erhabenheit offenbart. Die 
Kunst zeigt uns die Helden nach einander in beiden scharf entgegen- 
gesetzten inneren Zuständen, in Streben und Leiden, als rein ver- 
ständlichen Stimmungen; dazwischen aber auf dem Uebergange 
zwischen beiden angehalten und in kritische Spannung versetzt. 
Der Uebergang kann ein doppelter sein: ein leidender Zustand 
kann durch eine glückliche Krisis, in der sich die Kraft des Willens 
aufraift, in ein muthiges Streben übergeführt werden, oder ein solches 
kann zuerst vorhanden gewesen sein und durch eine unglückliche 
Krisis gelähmt werden, worauf ein leidender Zustand an die Stelle 
tritt. Beides kommt in Tragödien vor, wenn wir den Begriff dieser 
Kunstform in dem alten, weiteren Sinne nehmen; denn dann gehören 
dazu auch die Schauspiele, die einen glücklichen Ausgang haben. 
Doch werden sie immer eine weniger typische Nebenform der 
Tragödie bleiben. Dies hat einen äusseren und einen inneren Grund. Der 
aussere liegt darin, dass das Hervorbrechen eines frischen, wirksamen 
Strebens aus lange bestandener Muthlosigkeit als ein rein innerlicher 
Vorgang nicht leicht äusserlich vergegenwärtigt werden kann. Haben 
wir uns bis zu dem entscheidenden Momente an die Stelle des Helden
        

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