Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426707
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der 
Anatomie 
Tragödie 
unübertroffen. In seinen grossartigsten Stücken sind die Helden, oder 
vielmehr Heldinnen Barbaren und als solche, unterdrückt und zu- 
gleich gewaltsam widerstrebend, leiden und thun sie Entsetzliches. 
Medea, von Jason treulos verlassen, würgt ihre Kinder, Hekuba den 
Mörder ihres Sohnes. Ihnen gegenüber stehen die Griechen als die 
nach der Auffassung des Dichters und seiner Zuschauer berechtigteren 
Gegner; Odysseus und Menelaus, die Führer gegen Troja, handeln 
consequent überlegen gegen die barbarische Roheit. Selbst der treu- 
lose Jason, der seine erste, aus dem Lande der Barbaren von der 
berühmten Abenteuerfahrt mitgebrachte Gattin und Mutter seiner 
Kinder verstösst, um durch eine neue Verbindung mit einer griechi- 
sehen Königstochter eine festere Stellung zu gewinnen, weicht von 
der Anschauungsweise der Zuschauer, wie sie Euripides voraussetzt, 
nicht weit ab. Auch sie werden denken, die Fremde sei für die 
rückhaltlose Hingebung, mit der sie ihm nach Griechenland gefolgt 
ist, schon belohnt genug dadurch, dass sie in der Heimath der 
höheren Gesittung aufgenommen und bekannt geworden sei. Trotz- 
dem musste, wie uns, so auch schon dem stolzesten Athener ihre trost- 
lose Lage und dierohe, aber wahrhaft menschliche Aufbaumung ihrer 
Natur menschlich rühren und die Kalte, mit der Jason ihr gegen- 
übertritt, im Vergleich damit auch kalt lassen, selbst wenn er Barbaren 
gegenüber vielleicht ebenso rücksichtslos handeln zu dürfen glaubte. 
Hinter den grossen Gestalten allen, Haupthelden der Tragödie 
mit Genossen und Gegnern, stehen endlich in näherer oder ent- 
fernterer Beziehung zu beiden die vollkommen untergeordneten Neben- 
iiguren, die in der alten Tragödie als Chor zusammengefasst waren. 
Sie drücken die Stimmung bescheidener Zuschauer gegenüber den 
grossen Thaten und Leiden der gewaltigen Helden aus. Sie können, 
wie die Zuschauer die Leidenschaft der Helden mitfühlen, ohne sie 
doch zu theilen. 
Blicken wir nun auf Schillefs Wallenstein, so scheint gleich die 
Hauptperson kein sehr sprechendes Beispiel von dem unbestimmten 
Charakter zu geben, den wir als allgemeinen Typus eines tragischen 
Helden vorausgesetzt haben, von jener allseitig ausgebildeten, mit sich 
selbst oft streitenden Mischung verschiedener Anlagen. Die Ge- 
schichte giebt ein viel einfacheres, schroli" eigenthümliches Bild von 
Wallenstein, und Schiller unterlässt nicht, uns gleich im Prolog
        

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