Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426674
mit Anwendung auf Schillers 
Vvallenstein. 
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Persönlichkeit einen grösseren Massstab der Menschheit in uns selbst 
finden. Wir können dann denken wie der Teinpelherr in Lessings 
Nathan: „ich will mit Männern lieber fallen als mit Kindern stelin." 
In dieser hervorragenden Stellung des Helden, in dessen grossem 
Thun und Leiden wir ganz aufgehen sollen, kann sich in der Regel 
nur Eine Person in jeder Tragödie beiinden. Denn je mehr wir uns 
an ihre Stelle denken, um so mehr müssen wir den Eindruck aller 
andern sie umgebenden Menschen an ihrer Stelle auch auf uns wirken 
lassen, alle andern also uns gegenüber denken. An ihnen darf uns 
also auch immer mehr unterscheidende Charaktereigenthümlichkeit 
auffallen. Dies gilt aber nicht von allen Nebenpersonen gleich sehr. 
Die einen stehen dem Helden so nahe, dass sie fast gleich mit diesem 
handeln und empfinden, dass wir also auch mit ihnen uns gleich 
fühlen können, ohne dem Antheil an dem Haupthelden entfremdet 
zu sein; die andern stehen ihm feindlich gegenüber, müssen also auch 
uns stets fremd bleiben und von aussen auf uns einwirken. 
Unter den Personen, die dem Helden zur Seite stehen, können 
wir Wieder zwei Gruppen unterscheiden, solche, die mehr empfind- 
lich als er, sein Leiden gmmz, und ohne die Fähigkeit es abzu- 
wehren, mii ihm durchmachen, und solche, die mehr entschlossen als 
er, auf sein Thun einen entscheidenden Einfluss ausüben. Während 
in ihm Abhängigkeit und Selbstbestimmung sich mischen, erscheint 
in diesen beiden neben ihm beides gesondert. 
Die Personen, welche den Haupthelden als nächste Theilnehmer 
an dem, was ihnen begegnet, zur Seite stehen, brauchen keinen An- 
theil an dem dämonischen Zug des unbändigen Willens zu offenbaren, 
wodurch jene ihr Schicksal herbeiführen, sondern nur lebendige 
Empfänglichkeit für die Wirkung. In dieser Reihe stehen daher die 
reinsten und zartesten Gestalten des ganzen tragischen Spieles. Es 
gehören dahin die Personen, welche mit den Haupthelden durch die 
nächsten menschlichen Bande vereinigt sind, und dadurch von Allem, 
was ihnen begegnet, mitbetroffen werden, Verwandte, Freunde und 
besonders treue Liebende, wie Portia, die Gemahlin des Brutus im 
Julius Cäsar, wie Egmonfs Clärchen und Leonore, die Frau des 
Fiesco. Sie beobachten die feinsten Aeusserungen der gewaltigen Er- 
schütterungen, von denen die Brust des Helden bewegt wird, wenn 
sie nochkein anderes Auge bemerken würde, und zeigen sie uns. 
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