Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426622
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Anatomie der Tragödie 
Reste er in Händen hat, bereits aufgehoben ist, dass sie also eine 
lebendige Bedeutung nicht in und an sich haben, sondern nur sofern 
sie noch erkennen lassen, wie sie dem Leben haben dienen können, 
welches in dem Ganzen, das sie bilden, enthalten gewesen ist. Er kommt 
so schliesslich doch immer auf die Wirkung der geistigen Belebtheit 
als das letzte Ziel seiner Erkenntniss und ist nicht der Gefahr der 
Träumerei ausgesetzt, in welche der verfällt, welcher sich einrbildet, 
das Wirken der Lebenskraft selbst unmittelbar betrachten zu können. 
Durch diese feste Basirung auf die Kenntniss der vereinzelten todten 
Theile, statt direkten Eingehens auf die lebendige Einheit des Ganzen, 
auf die es in letzter Instanz doch abgesehen ist, wird die Natur- 
wissenschaft von den Organismen vor den Phantasien der Natur- 
philosophie leicht und sicher geschützt. Ein gleicher Vortheil er- 
giebt sich für die Betrachtung der kunstvollen Organismen, die der 
menschliche Geist hervorbringt, in Religion und Kunst, wenn man 
auch hier von dem innersten Leben derselben zunächst absieht, aber 
sich und die einzelnen übrigen Theile darauf ansieht, wie sie dem- 
selben gedient haben. Diese Unterscheidung ist um so nöthiger und 
nützlicher, wo die Theile selbst geistiger Art sind und also leicht 
selbst für das eigentliche Leben und Wesen des Ganzen ge- 
nommen werden können, wenn man dieses nicht vorher gehörig ab- 
gesondert hat. 
An einem so zusammengesetzten Organismus, Wie die Tragödie 
ist, imponiren verschiedene Theile bei einer oberilächlichen Betrach- 
tung als alleinige Hauptsache. Der Eine hält die deutliche Vor- 
stellung bedeutender Charaktere, der Andere die Vergegenwärtigung 
einer interessanten Begebenheit, der Dritte die Entfaltung allgemeiner 
Ideen für den wesentlichen Zweck und Inhalt. Die belebende Ein- 
heit der Gliederung eines Kunstwerkes ist aber immer nur die Her- 
vorbringung einer bestimmten Stimmung im Gemüthe des Anschauen- 
den, bei der Tragödie die Erregung eines reinen Mitgefühls. Wie 
aber diese erfolgt, ist am leichtesten zu erkennen, wenn wir jene ein- 
zelnen mitwirkenden Theile, die dargestellten Charaktere, Begeben- 
heiten und Ideen einzeln darauf ansehen, wie sie dazu beizutragen 
geschickt sind. Eine solche anatomische Zergliederung der Tragödie 
soll hier im Umriss gegeben werden. 
Die 
Anatomie 
giebt 
das 
Bild 
eines 
gesetzmässigen 
Typus 
der
        

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