Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426557
Kunst der Mimik. 
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in einem Zustande, den sie vorher angenommen haben, und so bleibt 
uns auch das, was vorhergegangen ist, gegenwärtig. Die Anforderung, 
der Inhalt des einen Moments absorbirt und erfüllt nicht den ganzen 
Menschen, macht auch die Situation, in der er sich befindet, nicht 
von Grund aus neu. Und so bleibt auch seine Haltung, abgesehen 
von einer einzelnen, momentan neuen Wendung, in ihrem bereits 
angenommenen Stande oder Wesen. Sie erhält uns seinen bleibenden 
Charakter und die ganze Situation und innere Verfassung, in der er 
sich befindet, ununterbrochen gegenwärtig. So wird nun hier dasselbe, 
nur viel vollkommener erreicht, was Lessing als die äusserste mög- 
liche Andeutung des Transitorischen in der bildenden Kunst durch 
die Wahl des nfruehtbaren Momentes" für zulässig hielt, und was in 
der modernen Malerei im Gegensatze zur antiken Plastik auch er- 
reicht wird. Wenn wir aber da aus dem Bilde eines dargestellten 
Momentes nur durch Ueberlegung auf frühere und spätere schliessen 
können, so haben wir dies nicht nöthig, wenn wir gesehen haben, 
was vorhergegangen ist, und uns nun leicht (laran erinnern, weil wir 
die bleibende Spur davon in der dadurch noch fortbedingten Haltung 
der Person vor Augen behalten. 
Alles, was in der sichtbaren Erscheinung des Schauspielers durch 
das ganze Stück unverändert bleibt, die "Maske", wie es die tech- 
nische Sprache des Theaters bezeichnend nennt, repräsentirt, kann 
man sagen, den bleibenden Charakter der dargestellten Person; jede 
Geberde dagegen, die augenblicklich dazu kommt, den Effect einer 
auf die Person einwirkenden Situation, ihr Benehmen in derselben. 
Das Bleibende muss demnach in der Komödie vorwiegen, die Be- 
wegung in der Tragödie, weil in jener die Durchführung des 
Charakters, in dieser der Fortschritt der Verwickelung es ist, worauf 
sich die Wirkung der Dichtung gründet. Wenn aber im Verlaufe 
der Handlung die einzelnen Geberden, die momentan auftreten und 
Wieder verschwinden, in der Art ihre Spuren zurücklassen, dass da- 
durch auch der beständige Habitus der Person allmäihlich umgestaltet 
wird, so verkörpert sich hierin die Wirkung von Handlung und 
Schicksal auf den ganzen Menschen, welche ihn von Stufe zu Stufe 
des Leidens oder der Befriedigung führt und damit zuletzt auch dem 
Charakter nach umbildct, wie dies im modernen Drama zur Geltung 
gebracht wird. Der Mensch ist nicht einfür allemal fertig, schön
        

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