Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426526
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Stil 
VOII 
Zwei Arten 
ist "wie in der Antike, so auch im Leben der eines in sich befriedigten 
oder doch einheitlichen Gefühles, den an Anderen zu sehen uns ge- 
fällt oder für sie einnimmt; auch dies eine Wirkung, welche das 
Interesse, das wir an den Personen im Drama nehmen sollen, oft nur 
fördernd beleben kann. 
Schade nur, dass, sowie die Reden und Erlebnisse der Personen, 
der Fortschritt der Handlung lebhafter in Gang kommen, von dieser 
heiteren malerischen Wirkung das Meiste doch verloren gehen muss, 
weil wir nicht Zeit haben, es aufzufassen. Denn Zeit gehört dazu, 
um das Gesammtbild einer Stellung, das Verhältniss seiner Theile zu 
einander, ihre Lage im Raume zu erkennen, gerade so gut, wie beim 
Beschauen von Bildern und Statuen, ja erst recht bei lebenden Bildern, 
die eben erst dadurch hervorgebracht werden, dass jedes Glied an 
seine Stelle rückt, und ehe wir den Eindruck davon fertig haben, ver- 
lässt es dieselbe vielleicht schon wieder. Wir werden aber um so weniger 
im Stande sein, den Eindruck dieser schnell wechselnden Bilder mit 
der nöthigen Ruhe zu geniessen, wenn nun inzwischen auch Worte zu 
hören, Gedanken aufzufassen sind. Denn der menschliche Geist ist 
bekanntlich bei aller Mannigfaltigkeit der einzelnen ihm dienenden 
Organe im Ganzen ein so einfaches Instrument, dass er zu gleicher Zeit 
nur Eins thun kann, z. B. nur hören oder sehen, wenn auch Ohr und 
Auge zugleich offen stehen und von Licht und Schall getroffen 
werden; doch wird immer nur das Eine oder das Andere recht auf- 
gefasst werden. Wir müssten also, um ganze Tableaux der Mimik zu 
bewundern, eine gewisse Zeit dazu haben, in der sich die Lage der 
Theile nicht andern und auch sonst nichts geschehen dürfte. Rossi 
wusste das wohl und genirte sich gar nicht, wenn er irgend eine recht 
gelungene Position angenommen hatte, in ihr ganz willkürlich still 
stehen zu bleiben, dass man sie besehen konnte. Aber natürlich hört, 
sowie man dies merkt, alle Illusion für die ganze übrige Handlung 
auf. Viel öfter wird es geschehen, dass der Zuschauer sich diese 
Pausen selbst nimmt, d. h. er folgt der Handlung sonst mit halbem 
Ohr und sieht sich satt, wenn ein schönes Bild sich vor ihm abspielt; 
aber da sind wir auch an dem Punkte angelangt, von dem der 
Director im Prolog zum Faust, wenn er den Dichter von der Höhe 
seines Kunstideals herunterreissen will, sagt: 
„Was hilft's, wenn ihr ein Ganzes dargebracht, 
"Das Publicum wird es euch doch zerstücken."
        

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