Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426489
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Zwei 
Stil 
Arten von 
Gewalt ganz in Ruhe hielt. Er erzählte mir nach der Vorstellung, es 
sei ihm einmal bei einem Gastspiel in Petersburg begegnet, dass man 
vergessen habe, ihm die Feder hinzulegen; da habe er gar nicht ge- 
wusst, was anfangen. 
Der Haupttypus dieses Stils der Mimik ist aber für mich das 
Spiel von Lewinsky in Wien und noch mehr das seiner Schülerin 
und jetzigen Frau, welche als Fräulein Precheisen die gefeierte Heldin 
des Theaters in Prag zu meiner Zeit dort war. Da habe ich nun 
z. B. gesehen, wie Lewinsky als Hamlet eine ganze Scene hindurch 
nicht einmal die vor der Brust untergeschlagenen Arme losliess, und 
doch blieb ihm noch ein Stück derselben frei, um sehr energisch 
wirksam damit zu gesticuliren, die linke Hand, Welche aus der Ecke 
des rechten Ellbogens hervorsah, deutlich hervorgehoben durch eine 
faltenreiche weisse Manchette bei dem sonst ganz schwarzen Anzug. 
Mit dieser Hand konnte er jedem Wort noch einen Nachdruck geben. 
Die übrige unbewegliche Haltung aber gab der ganzen Scene ihren 
Charakter. Ganz etwas Aehnliches machte Fräulein Precheisen in 
der Rolle des "Wildfeuer", des Mädchens, das als wilder Knabe er- 
zogen ist. Bei einer der spannendsten Scenen, wenn sich ihr zarteres 
Gefühl zu regen beginnt und doch noch nicht auslassen will, sass sie 
stramm und unbeweglich da, und nur ein Fuss trat mit der Spitze 
beständig wie ein pochendes Herz auf die Bretter. Oder aber sie 
blieb als Luise in „Kabale und Liebe" bei der Scene mit der Lady 
in steifer Positur, wie eine Rapport machende Ordonnanz, an der 
Thür stehen und nur plötzlich , bei einer der Wendungen des Ge- 
sprächs, in der sie der vornehmen Rivalin ihre ganze sittliche Ueber- 
legenheit zu fühlen giebt, erhob sie einen Zeigefinger drohend wie ein 
Schulmeister. Das war freilich weder malerisch noch graziös, aber 
es war erst recht einfach sprechend die aufrechte bürgerliche Tugend 
der Luise Millerin von Schiller. Und so einfach bestimmt und zur 
Sache war in der Regel jeder Schritt eines Fusses, jeder Griff einer 
Hand, den diese Künstlerin machte, nie nur ein Pas oder Gestus ins 
Blaue, sondern immer von innen heraus auf ein bestimmtes Ziel los- 
gehend, immer von einer selbstbewussten, zielbewussten Intention ge- 
leitet und inspirirt. 
Wie gross die Uebereinstiminung dieser Art von lebendigem Spiel 
ausdrucksvoller Bewegungen und der Bilder von Cornelius ist, das
        

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