Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426459
Kunst der Mimik. 
der 
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durch alle Stadien der Aufregung des Zweifels, des Schwankexis 
zwischen Vertrauen und Verdacht bis zum Wüthendsten Ausbruch der 
verzehrenden Eifersucht und der Verzweiflung nach demselben, immer 
der ganze Mann von Kopf bis zu Fuss mit, bald elastisch sich er- 
hebend, die Geliebte ergreifend, dem Versucher sein Ohr leihend, 
oder ihn von sich stossend und endlich im Kampfe der Rache und 
Verzweiflung wie ein Thier zuspringend oder sich windend. Das gab 
also eine fortlaufende Reihe lebendiger malerischer Bilder, in denen 
sich die Erregung und das Schicksal des Helden stufenweise fort- 
schreitend darstellt. Aber ganz ebenso mit allen Gliedern, mit jeder 
Faser bei jeder Action zusammenarbeitend, trat er auch bei jeder 
anderen Gelegenheit und Rolle auf, bei jeder Geberde, die nur irgend 
eine Stelle in einer Rede ausdrücklich begleitete. So in der Scene 
des Hamlet, wo dieser seine Mutter bei Nacht ohne Scheu und Rück- 
sicht mit den grimmigsten Vorwürfen über ihre Untreue an seinem 
hingemordeten Vater bestürmt. Als er da bei der Stelle ankam, in 
welcher er diesen ihren ersten Mann preisend mit Zeus und Mercurius 
vergleicht, nahm er das Bild desselben, das er als Medaillen aus dem 
Busen zog, und hielt es hoch empor. Wie er nun aber dabei mit 
der anderen Hand auf die Lehne des Stuhls der Mutter gestützt 
hinter ihr stand, liess er nicht nur den Blick mit erhobenem Kopfe 
dem Bilde nach oben folgen, sondern trat auch zugleich mit dem 
einen Fusse so hintenaus, dass nun die ganze Gestalt selbst einen 
Augenblick wie ein eben emporschwvebender Mercur dastand. Es war 
ein durchcomponirtes Bild von Kopf zu Fuss nach einer Hauptlinie 
des Emporstrebens geordnet. So war er in diesem Momente von 
Kopf bis zu Fuss eine Statue, eine Illustration dieses einen Gedankens 
seiner Rede, der Vergleichung seines Vaters mit den Göttern. Nichts 
aber machte nun unterdessen seine fortdauernde Stellung im Zu- 
sammenhange der ganzen Scene ersichtlich, sein Verhältniss zu der 
Mutter, mit der er eben in einem so furchtbaren, alle Bande der 
Natur sprengenden Conflicte begriffen sein sollte, und dieses wäre 
doch die Hauptsache gewesen, die den Menschen so gefesselt haben 
sollte, dass jede einzelne Redewendung hinströmen musste, ohne etwas 
daran zu ändern. Der Darsteller hatte sich für die eine Redewendung 
gleichsam ganz ausgegeben und hatte, so lange er dies that, für die 
ganze Situation nichts übrig.
        

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