Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Vorträge über Plastik, Mimik und Drama
Person:
Henke, Wilhelm
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1424454
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1426449
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Zwei Arten von Stil 
sind, wie wir sie in der Antike, oder der Art, wie wir sie bei Michel- 
angelo, Holbein und Cornelius gefunden haben. 
In antikem Stil, d. h. auf einer gleichzeitigen und gleichmässigen 
Betheiligung aller Glieder an einer harmonisch und rhythmisch ge- 
ordneten Bewegung beruhend, ist zunächst die Art von lebendigem 
Spiel derselben, welche nicht nur als ein Theil der Kunst des Schau- 
spiels neben der Handlung, die sich in Reden äussert, auftritt, sondern 
für sich allein, nur von dem parallelen Flusse der Musik begleitet, 
ich meine den Tanz. In ihm entfaltet sich das Bild der Schönheit 
und das Gefühl der Kraft und Sicherheit im körperlichen Leben selb- 
ständig und als Gegenstand der Befriedigung durch die Harmonie der 
wechselnden Körperstellungen mit dem Tacte der Musik, ähnlich wie wir 
dies auch empfinden, wenn wir nicht tanzen sehen, sondern fühlen, d. h. 
selbst tanzen. Der ganze Organismus oder Mechanismus der Glieder 
folgt 1nit Leichtigkeit dem Impulse des Rhythmus, und wenn er still 
steht, zeigt die Stellung ein abgerundetes Bild der ganzen Gestalt, in 
dem, wie in einer antiken Statue, der ganze Zug der Linien graziös 
und zwanglos, wenn auch kraftvoll und sicher, zu einem Ziele hin- 
strebt, in einen Umriss sich ordnet. Hier ist also die harmonische 
Ordnung der Bewegung aller Glieder zu einem Zwecke unbedingte 
Regel. Und dasselbe gilt für viele derselben ein für alle Male, wenn 
sie zu einer regelmässig wiederkehrenden einfachen Action, wie das 
Gehen und Stehen, Hinsetzen und Aufstehen zusammen zu wirken 
haben. Aber auch die Betheiligung der Glieder an den 1nel1r eigen- 
thümlich mimischen Acten, den Geberden, die irgend einen Gedanken, 
eine Stimmung oder Handlung begleiten und durch ihren Ausdruck 
andeuten, ist bei sehr vielen Schauspielern stets eine einheitliche, so 
dass kein Glied in seiner augenblicklichen Lage ohne Antheil an dem 
Impulse bleibt, der die ganze Geberde bestimmt. 
Ein hervorragender Typus von diesem Stil der Mimik ist der be- 
rühmte italienische Tragöde Rossi, der vor Jahren als Gast in Deutsch- 
land herumgereist ist. Und das befähigte ihn nun vor Allem zu 
der lebendigsten Verkörperung solcher rein elementarer Leidenschaften 
und Affeete, bei denen keine Faser auch des leiblichen Menschen u11- 
betheiligt bleibt. In seinem Othello arbeitete vom Anfang bis zum 
Ende, vom Auftreten in heiterer Sicherheit der Anerkennung seiner 
Stellung und vor Allem des Besitzes der glühend geliebten Frau,
        

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